Angriffe auf Militäranlagen

Nach Sturz von Assad: Warum Israel Syrien jetzt mit Luftangriffen überzieht

Ein durch einen israelischen Luftschlag zerstörter Helikopter des syrischen Militärs.
© IMAGO/DIA Images/ABACA

Damaskus – Eine Woche nach dem Sturz des syrischen Machthabers Bashar al-Assad setzen sich westliche und arabische Politiker für einen friedlichen Übergang zu einer neuen politischen Führung in dem Bürgerkriegsland ein. Zugleich lassen regionale Mächte wie Israel und die Türkei erkennen, dass sie das gegenwärtige Machtvakuum in Syrien für ihre eigenen Interessen zu nutzen gedenken. Die neue Führung in Damaskus will sich indes nach eigenem Bekunden dem Wiederaufbau widmen.

Hunderte israelische Luftangriffe

Dutzende israelische Luftangriffe gehen derzeit auf Militäranlagen im Umland von Damaskus nieder. Allein am Samstag bombardierte die Luftwaffe 35 Ziele, teilte die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Darunter seien Bergstollen, in denen das Militär der Assad-Regierung Raketen und schwere Munition gelagert hatte. Das israelische Militär begründet seine Angriffe damit, dass es verhindern wolle, dass die Bestände an Kriegsmaterial Islamisten in die Hände fallen.

Die jüngsten Entwicklungen in Syrien erhöhen die Stärke der Bedrohung – trotz des moderaten Images, das die Rebellenführer vorgeben zu präsentieren.
Israel Katz, Verteidigungsminister Israels

„Die unmittelbaren Risiken für das Land sind nicht verschwunden“, sagte Verteidigungsminister Israel Katz am Sonntag. „Die jüngsten Entwicklungen in Syrien erhöhen die Stärke der Bedrohung – trotz des moderaten Images, das die Rebellenführer vorgeben zu präsentieren.“

Der Anführer der islamistischen Aufständischen in Syrien, Ahmed al-Sharaa, äußerte sich nach dem Sieg seiner Rebellenallianz erstmals kritisch über die israelischen Militäreinsätze. Israels Vorwände seien ungerechtfertigt, sagte der Chef der stärksten Rebellengruppe Hayat Tahrir al-Sham (HTS) im oppositionellen Sender Syria TV.

Israelische Soldaten in Pufferzone

Israel führte seit dem Umsturz in Syrien nach Angaben der Beobachtungsstelle nicht nur 430 Luftangriffe aus, sondern verlegte auch Truppen in Gebiete jenseits der Waffenstillstandslinie auf den Golanhöhen. Israelische Soldaten rückten in eine sogenannte Pufferzone ein, die gemäß dem Waffenstillstandsabkommen von 1974 unter UN-Überwachung steht. Israel bezeichnet das Eindringen in syrisches Gebiet als begrenzte und vorübergehende Maßnahme.

Al-Sharaa sagte: "Die Israelis haben eindeutig die Waffenstillstandslinie in Syrien überschritten, in einer Weise, dass dies zu einer unnötigen Eskalation in der Region führen kann." Zugleich betonte er, dass sich die neue Führung Syriens auf den Wiederaufbau konzentrieren und sich nicht in neue Konflikte ziehen lassen wolle.

Skepsis gegenüber Rebellen in Damaskus

Beobachter in der arabischen Welt betrachten die syrische Rebellenallianz indes mit gemischten Gefühlen. „Wir hören von ihnen vernünftige und rationale Erklärungen über Einheit und darüber, nicht allen Syrern ein System überzustülpen“, sagte Anwar Gargash, der diplomatische Berater des Präsidenten der VAE, Scheich Mohammed bin Zayed Al Nahyan, auf einer Sicherheitskonferenz in Abu Dhabi.

„Aber andererseits sind die Natur dieser neuen Kräfte, ihre Verbindungen zur (islamistischen) Muslimbruderschaft und zu Al-Kaida sehr besorgniserregende Indikatoren“, zitierte ihn die in London ansässige Internet-Zeitung thelevantnews.com. Man müsse aber sowohl optimistisch als auch mit Vorsicht an das neue Syrien herangehen.

Gargash kritisierte Israel für seine Kampagne der Zerstörung der syrischen Militärkapazitäten. „Aus israelischer Sicht mag das richtig sein, aber ich denke, es ist eine dumme Politik.“ Vielmehr sollte man „in der Vergangenheit gemachte Fehler“ vermeiden. Der Berater spielte auf den Einmarsch der Amerikaner im Irak 2003 an. Das US-Militär hatte den Zerfall der irakischen Armee nach dem Sturz des Diktators Saddam Hussein gefördert, worauf das Land in ein jahrelanges Bürgerkriegschaos versank. (APA/dpa)

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