Verzweifelte Lage

Mann in Myanmar fünf Tage nach Erdbeben lebend aus Trümmern geborgen

Rettungskräfte bergen Opfer aus den Trümmern in Mandalay.
© APA/AFP/SAI AUNG MAIN

Internationale Hilfsorganisationen schlugen wegen der katastrophalen Zustände in dem Bürgerkriegsland immer lauter Alarm. Die örtlichen Behörden seien angesichts des Ausmaßes der Schäden überfordert.

Naypyidaw – Fünf Tage nach dem verheerenden Erdbeben in Südostasien steigen die Opferzahlen in Myanmar weiter. Nach Angaben von Staatsmedien am Mittwoch hat die Zahl der Toten inzwischen 2886 erreicht. Zudem gebe es 4639 Verletzte, 373 Personen würden vermisst.

Doch es gibt auch vereinzelt gute Nachrichten aus dem Katastrophengebiet: So wurde eine 63-jährige Frau in der Hauptstadt Naypyidaw nach mehr als 90 Stunden lebend aus den Trümmern geborgen. Kurz nach Mitternacht am Mittwoch wurde auch ein 26-Jähriger von einem Team türkischer und einheimischer Rettungskräfte aus den Trümmern eines Hauses in Naypyidaw befreit.

📽️ Video | Mann lebend aus Trümmern geborgen

Die Lage in dem von einer Militärjunta regierten Land ist aber verzweifelt. Internationale Hilfsorganisationen schlugen wegen der katastrophalen Zustände in dem Bürgerkriegsland immer lauter Alarm. Die örtlichen Behörden seien angesichts des Ausmaßes der Schäden überfordert. „Die Lage bleibt kritisch, da Unterbrechungen der Kommunikationsdienste und Straßenschäden die Hilfsmaßnahmen insbesondere in Sagaing behindern“, erklärte das Büro der Vereinten Nationen für Projektdienste (UNOPS).

Kaum Zugang für Hilfsorganisationen in Sagaing

Sagaing unweit von Mandalay nahe des gegenüberliegenden Ufers des Flusses Irrawaddy gehört zu den sechs von dem Erdbeben besonders schwer getroffenen Gebieten. Dort leben UNOPS zufolge 28 Millionen Menschen. Die ländlichen Gebiete von Sagaing stünden größtenteils unter der Kontrolle bewaffneter Widerstandsgruppen, die gegen die Militärregierung kämpften, erklärte die International Crisis Group.

Das Erdbeben der Stärke 7,7 hatte sich am Freitag 16 Kilometer nordwestlich von Sagaing ereignet. Es wurde erwartet, dass die Opferzahl noch steigt, da es für die Vermissten mittlerweile kaum noch Hoffnung gibt.

Die Erdstöße hatten am Freitag vor allem die zweitgrößte Stadt Mandalay, die Region Sagaing und die Hauptstadt Naypyidaw erschüttert. Sie waren aber auch in der thailändischen Hauptstadt Bangkok deutlich zu spüren. Bei einem eingestürzten 30-stöckigen Rohbau in der Millionenmetropole schwindet die Hoffnung, noch überlebende Arbeiter zu finden. Einem Bericht des Thai-Senders Channel 8 zufolge wurde an der Unglücksstelle eine weitere Leiche geborgen. Die Zahl der Toten liege damit jetzt bei 15, acht Männern und sieben Frauen, hieß es. Mehr als 70 Verschüttete werden noch vermisst.

In der thailändischen Hauptstadt Bangkok stürzte am Freitag ein 30-stöckiger Rohbau ein.
© APA/AFP/LILLIAN SUWANRUMPHA

EU richtet Luftbrücke für humanitäre Hilfe ein

Unterdessen hat die Europäische Union (EU) per Luftbrücke humanitäre Hilfe auf den Weg gebracht. Die EU-Kommission kündigte in Brüssel den Start eines ersten Fluges von Kopenhagen aus an. Die Lieferung mit 80 Tonnen Hilfsgütern wie Zelten, Wasser und Medizinprodukten soll an das UNO-Kinderhilfswerk UNICEF übergeben werden.

Zudem soll ein Team aus zwölf europäischen Experten in den kommenden Tagen nach Bangkok und Kuala Lumpur geschickt werden, um die Hilfe der EU-Mitgliedstaaten zu koordinieren. Die EU hatte bereits am Freitag 2,5 Millionen Euro für Soforthilfe freigegeben und stellt nun weitere 500.000 Euro zur Verfügung.

Junta lehnte Waffenruhe ab

In Myanmar wächst unterdessen die Kritik an der Junta, die das frühere Burma seit einem Putsch Anfang 2021 mit brutaler Härte regiert. Die Generäle sind in dem Vielvölkerstaat im Krieg mit der eigenen Bevölkerung und flogen Berichten zufolge auch nach dem Erdbeben weiter Luftangriffe auf Widerstandsgruppen, bei denen Dutzende starben. Auf einen Hilfskonvoi des Chinesischen Roten Kreuzes wurden zudem Warnschüsse abgefeuert, weil dieser in einer Konfliktzone nicht angehalten hatte.

Mehrere wichtige Widerstandsgruppen sowie die NUG, eine Schattenregierung, die sich nach dem Putsch von 2021 als demokratische Alternative zur Junta bildete, kündigten eine einmonatige Waffenruhe an. Dies soll den lokalen und internationalen Einsatzteams erlauben, angstfrei im Erdbebengebiet zu arbeiten. Junta-Chef Min Aung Hlaing lehnte es aber ab, im Gegenzug die Angriffe der Armee einzustellen. Er warf den Gruppen vor, in dieser Zeit Militärübungen durchführen zu wollen und sich auf künftige Angriffe vorzubereiten.

Vorbereitungen auf Neujahrsfest

Gleichzeitig lehnte es die Junta ab, trotz der verzweifelten Lage in den Erdbebenregionen die Feierlichkeiten zum Thingyan-Fest – dem Neujahrsfest – abzusagen. Es findet in diesem Jahr vom 13. bis 16. April statt und ist auch als Wasserfest bekannt. Thingyan markiert den Beginn des myanmarischen Mondkalenders und gilt als wichtigstes Fest des Landes. „Sie tun mehr für die Fest-Vorbereitungen als für die Erdbebenopfer“, sagte ein Bürger aus Naypyidaw. (APA, Reuters, dpa, AFP, TT.com)