Massiver Gletscherabsturz in der Schweiz: Dorf unter Geröll begraben, 64-Jähriger vermisst
Seit Tagen wurde im Schweizer Blatten ein massiver Gletscherabsturz erwartet. Am Mittwoch war es dann soweit. Das Dorf wurde bereits letzte Woche geräumt. Die Erschütterungen waren landesweit spürbar. Ein 64-jähriger Einheimischer wird weiter vermisst.
Blatten – Die Erschütterungen im Zusammenhang mit dem enormen Gletschersturz in der Schweiz, der am Mittwoch das bereits evakuierte Bergdorf Blatten (Kanton Wallis) unter sich begraben hat, waren landesweit zu spüren. Nach Angaben des Erdbebendienstes an der ETH Zürich vom Donnerstag war es eine der größten je aufgezeichneten Massenbewegungen. Schon die kleineren Felsstürze vom Kleinen Nesthorn in den Tagen vor dem Gletscherabbruch waren vom seismischen Netzwerk registriert worden.
📽️ Video | Gletschersturz verschüttet Schweizer Bergdorf
Wie der Schweizerische Erdbebendienst (SED) an der ETH Zürich mitteilte, war die erste dieser kleineren Erschütterungen am frühen Morgen des 19. Mai erfasst worden. An jenem Tag waren die rund 300 Bewohnerinnen und Bewohner von Blatten aus Sicherheitsgründen evakuiert worden. Beim großen Gletscherabbruch am Mittwoch um 15.24 Uhr wurden Erschütterungen der Stärke 3,1 aufgezeichnet.
Die Messung beruht auf der maximal gemessenen Amplitude der Bodenbewegung. Landesweit wurden diese Bewegungen von den Stationen des SED deutlich aufgezeichnet. Gemessen an der Stärke der Erschütterungen sei der Gletscherabbruch bei Blatten vergleichbar mit dem Bergsturz am Piz Cengalo oberhalb von Bondo im Jahr 2017 gewesen, hieß es.
Einheimischer Vermisst
Fast 90 Prozent des Ortes wurden laut dem Regionalen Führungsstab von einer mehrere Meter hohen Schlammlawine verschüttet. Eine 64-jähriger Einheimischer wurde vermisst, eine Suchaktion verlief bisher erfolglos. Auslöser der Ereignisse war ein Bergsturz am rund 3.800 Meter hohen Kleinen Nesthorn, oberhalb des nun abgestürzten Birchgletschers.
Durch das Abbröckeln des Kleinen Nesthorns lagerten sich in den vergangenen Tagen rund neun Millionen Tonnen Schuttmaterial auf dem Gletscher ab und übten Druck auf die Eismassen aus. Wegen der Gefahrenlage war Blatten in der Ferienregion Lötschental bereits vorige Woche ganz geräumt worden. Rund 300 Einwohner waren innerhalb kurzer Zeit evakuiert worden. Viele ihrer Häuser sind nun zerstört, begraben unter einer dicken Schuttmasse.
Trotz der Evakuierung lief am Abend eine Suchaktion nach einem 64-jährigen Einheimischen, der sich im Bergsturzgebiet aufgehalten hatte. Drei Spezialisten der Kantonalen Walliser Rettungsorganisation ließen sich von einem Helikopter neben einem Schuttkegel absetzen. Unterstützt wurden sie durch eine Drohne mit Wärmebildkamera. Bis nach 22 Uhr blieb die Suche erfolglos.
Historisch beispielloser Gletschersturz
Nach Schätzung des kantonalen Chefs für Naturgefahren stürzte der Schutt vom Kleinen Nesthorn ganz oder zum großen Teil mit dem Abbruch des Birchgletschers zu Tal. Drei Millionen Kubikmeter Gesteinsmaterial dürften am Mittwochnachmittag gegen 15.30 Uhr zusammen mit dem Gletscher auf Blatten niedergegangen sein, sagte Raphaël Mayoraz, ein Naturgefahren-Experte des Kantons Wallis, am Mittwochabend vor Medienvertretern.
Der Gletscherabbruch und der Murenabgang seien historisch „beispiellos“. Der Schuttkegel sei 50 bis 200 Meter dick. Mit dem Schlimmsten hätten die zuständigen Behörden immer gerechnet und nun sei es eingetreten. Mit dem Murenabgang sollte das meiste des Materials heruntergekommen sein, so Mayoraz.
Der öffentlich-rechtliche Sender SRF zeigte Aufnahmen von einer riesigen Staubwolke, die sich mit den Schuttmassen den Berg hinab wälzte. Laut dem Schweizerischen Erdbebendienst wurde die Erde mit einer Stärke von 3,1 erschüttert. Zuvor waren bereits in der Nacht zum Dienstag größere Mengen an Eis, Fels, Schnee und Wasser talwärts gestürzt.
„Haben das Dorf verloren, aber nicht das Herz“
„Das Unvorstellbare ist heute eingetreten, wir haben praktisch das sichtbare Dorf verloren“, sagte Gemeindepräsident Matthias Bellwald in einer Pressekonferenz am Mittwochabend in der Nachbargemeinde Ferden. Er sei froh, dass man alle Einwohner aus Blatten habe evakuieren und Sicherheit bringen können.
„Das gibt uns die Kraft, das zu machen, was vor uns liegt. Wir haben das Dorf verloren, aber nicht das Herz. Auch wenn das Dorf unter einem großen Schuttkegel liegt, wissen wir, wo unsere Häuser und unsere Kirche wieder stehen müssen“, rief der sichtlich betroffene Gemeindepräsident zum Wiederaufbau auf.
Die Schweizer Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter drückte den Bewohnern von Blatten ihr Mitgefühl aus. „Es ist schlimm, wenn man seine Heimat verliert“, schrieb sie auf der Plattform X. Umweltminister Albert Rösti und Verteidigungsminister Martin Pfister reisten sofort in das Katastrophengebiet und sagten der betroffenen Gemeinde die Unterstützung der Schweizer Regierung zu.
Gefahr noch nicht ganz gebannt
Mayoraz wies darauf hin, dass die Gefahr für das Tal auch nach dem Gletschersturz noch nicht gebannt sei. Denn durch den Abbruch wurde der Fluss Lonza auf einer Länge von etwa zwei Kilometern stark aufgestaut. Dort könnte es zu einer weiteren Muren kommen. Zudem könne es zu einer Flutwelle kommen. Das Flüsschen Lonza ist durch die meterhohen Fels- und Eismassen, die am Mittwoch von Berg stürzten, wie durch einen Damm gestaut. Die wenigen Häuser, die im Dorf Blatten nicht verschüttet wurden, seien bereits überflutet, berichten die Behörden. (TT.com/APA/Reuters/dpa)
Sorge vor Dammbruch
Bewohner in Sicherheit gebracht: Flutgefahr nach massivem Gletscherabbruch in der Schweiz
Landesgeologe erklärt
Auch ganze Berge brechen: Wo in Tirol die Gipfel bröckeln und warum sie es tun
Lebensgefahr in Abbruchzone
Massiver Bergrutsch droht: Gletscher macht „seine letzten Atemzüge“
Angespanntes Warten
Kommentare