Arnautovic den Tränen nahe

Der Fußball rückte beim ÖFB-Team in den Hintergrund: „Für Österreich da sein“

Die Mannschaft und die Fans versammelten sich nach dem Spiel hinter dem Trauberbanner für Graz.
© GEPA pictures/ Armin Rauthner

Der 4:0-Sieg über San Marino war am Dienstagabend nur Nebensache. Marko Arnautovic und Co. demonstrierten nach dem Schlusspfiff Solidarität mit Graz. Die Gedanken waren bei den Opfern des Amoklaufs und deren Angehörigen.

Wohl noch nie hat Österreichs Fußball-Nationalteam einen Sieg derart schaumgebremst bejubelt wie das 4:0 in der WM-Qualifikation am Dienstag in San Marino. Die ÖFB-Kicker schlichen nach dem Schlusspfiff langsam zu der mit 1500 österreichischen Fans gefüllten Tribüne und brachten die obligatorische Welle nur zaghaft hinter sich. Danach versammelten sich Marko Arnautovic und Co. rund um das in Schwarz gehaltene Transparent mit zwei weißen Kreuzen und der Aufschrift „Graz“.

Der Amoklauf in der steirischen Landeshauptstadt wenige Stunden zuvor hatte die Spieler in eine Art Schockzustand versetzt. Mit Marcel Sabitzer, Michael Gregoritsch und Romano Schmid standen in Serravalle drei Akteure auf dem Platz, die in Graz aufgewachsen sind. „Im Endeffekt ist Fußball so eine Sache, die Menschen zusammenbringt, und wo man Zusammenhalt demonstrieren kann. Das haben wir versucht zu zeigen“, sagte Sabitzer mit ruhiger Stimme. „Wir hoffen, dass es irgendwie besser wird.“

Antreten war alternativlos

Dennoch war es für die ÖFB-Spieler alternativlos, in Serravalle anzutreten. „Vielleicht hat man irgendwelche Leute trotzdem erreicht und konnte man die ablenken in schwierigen Stunden“, hoffte Sabitzer. Ähnlich sah es Gregoritsch, der nach seinem Tor zum 2:0 kaum jubelte: „Wir haben unseren Job in den ersten 35 Minuten sehr, sehr gut erledigt. Und das war das Mindeste, was wir hier tun können, dass wir zumindest den einen oder anderen Prozent Freude nach Hause bringen.“

Ich glaube, dass es wichtig ist, dass wir als Gruppe dann eben nicht aufhören, für Österreich auch da zu sein.
Michael Gregoritsch, ÖFB-Teamspieler

Eine Absage sei von Spielerseite kein Thema gewesen. „Ich glaube, dass es wichtig ist, dass wir als Gruppe dann eben nicht aufhören, für Österreich auch da zu sein“, meinte Gregoritsch. „Wir sind das höchste Nationalteam. Und ich glaube, dass es nicht immer richtig ist, dann zu weichen.“ Trauerflor und Trauerminute seien den Spielern aber wichtig gewesen.

Dazu kamen die mitgereisten Fans, die auf ihre ursprüngliche Choreographie verzichteten und sich mit den Opfern und Angehörigen der tödlichen Attacke in Graz solidarisierten. „Unser Land ist nicht immer so schlecht, wie wir vielleicht denken“, lobte Gregoritsch. „Wir sind schon sehr, sehr vereint in vielen Dingen, und trotzdem darf so etwas nie wieder passieren. Das ist fürchterlich. Es ist leider so nahe, und das ist das Schlimme.“ Der ÖFB-Stürmer ist laut eigenen Angaben nur zehn Minuten von der betroffenen Grazer Schule entfernt aufgewachsen.

Arnautovic: „Ein Horror“

Völlig konsterniert zeigte sich auch Arnautovic, der in San Marino zwei Tore schoss, sich mit nun 41 ÖFB-Treffern dem Rekord von Toni Polster (44) annäherte, aber nicht über Fußball sprechen wollte. „Fragt mich gar nichts über das Spiel. Ich freue mich nicht, mich interessiert es nicht“, betonte der Wiener vor Journalistinnen und Journalisten und war dabei den Tränen nahe. Er sei in Gedanken nur bei dem gewesen, was in Graz passiert sei. „Weil es ist Horror. Ich musste den ganzen Tag schon meine Emotionen zurückhalten.“

Seine Frau und seine Töchter waren im Stadion. Primär wollte Arnautovic zu ihnen. „Wir haben alle Familien zuhause, wir haben alle Kinder zuhause. Wir sollten über die Sicherheit unserer Kinder reden“, meinte der 36-Jährige. „Auf das Fußballspiel kommt es überhaupt nicht an. Ich habe überhaupt keine Lust mehr, hier über Fußball zu reden.“ Respekt bekundete der Ersatzkapitän von David Alaba für das Auftreten der Mannschaft und der Fans. „Aber wir sollten uns an diesem Tag eigentlich nicht freuen.“ (APA, TT.com)