Vom „Sie“ zum „Du“: Wie eine Wienerin bei der TT ihren Beruf und in Lienz eine Heimat fand
Catharina Oblasser ist seit 20 Jahren Lokalredakteurin der Tiroler Tageszeitung in Osttirol. Über Hausnamen, den Gemeinderat von Innervillgraten und Zufälle, die keine sind.
Lienz – „Hallo, da spricht Cathi Oblasser von der TT.“ Antwort: „Griaß di.“ Ein ganz normaler Beginn eines Telefonats. Doch nach zwei oder drei Sätzen der Journalistin ändert sich etwas. Der Gesprächspartner wechselt vom üblichen „Du“ zum formellen „Sie“. Warum? Die Journalistin spricht trotz ihres typisch osttirolerischen Nachnamens keinen Dialekt, sondern – mehr oder weniger – schriftdeutsch. Manchmal wird sie auch für eine Deutsche gehalten, obwohl sie aus Mödling bei Wien stammt.
Daraus ergibt sich eine neue Situation, und da ist es sicherer, das distanzierte „Sie“ zu wählen. Man will ja nicht unhöflich klingen. Auch das Bemühen um gute Verständlichkeit ist dem Gesprächspartner nun deutlich anzuhören. Vielleicht versteht die Wiener Journalistin ja keinen Dialekt?
Die Welt auf Osttirolerisch
Tut sie wohl. Dazu aber später mehr. Zuerst geht es zurück zu den Anfängen. Vor fast 30 Jahren kam ich der Liebe wegen nach Osttirol und fand durch Zufall eine Stelle in der vielseitigen Medienwelt des Bezirks. Vor 20 Jahren begann ich als Redakteurin bei der Tiroler Tageszeitung in Lienz. Als Lokaljournalistin hat man Zugang zu enorm viel Wissen. Woher das Lienzer Wasser kommt, was die Tiroler Gemeindeordnung vorschreibt, was die Caritas in Osttirol alles tut und welchen Vorteil der Gemeindeausgleichsfonds für St. Veit im Defereggen hat, das sind nur einige der Themen. Eine neue Welt tut sich auf, so mein Gefühl damals: die Welt auf Osttirolerisch.
Kann man seinen Horizont erweitern, obwohl man vom Großen ins Kleine geht? Auf jeden Fall. Wien ist zwar die Hauptstadt von Österreich, aber keineswegs das Maß aller Dinge. Kleiner ist feiner, zumindest für mich. Man sagt oft, ganz Osttirol sei ein Dorf. Das kann ich gut nachvollziehen. Gemeint ist nicht die Größe, sondern die Verbindung der Menschen untereinander. (Fast) jeder kennt (fast) jeden. Für eine Großstädterin absolut unvorstellbar. Anfangs glaubte ich an Zufall, als mir unser Nachbar bei einem Medientermin als Fußballtrainer wiederbegegnete. Oder der Bankdirektor als TVB-Obmann, als Sprecher des Radclubs Osttirol und als Organisator mehrerer hochkarätiger Sport-Events.
80 Jahre Tiroler Tageszeitung
Zum 80. Geburtstag der Tiroler Tageszeitung am 21. Juni gibt es eine 96-seitige Jubiläumsausgabe.
Ein gutes Gedächtnis hilft
Nach weiteren „Zufällen“ begann ich zu begreifen, wie Landleben läuft. Es gibt nicht so viele verschiedene Menschen, deshalb trifft man immer wieder dieselben. Man kann Netze knüpfen. Ein gutes Namens- und Gesichtsgedächtnis ist von Vorteil. Verwandtschaftsverhältnisse sind wichtig. Hausnamen haben den gleichen Stellenwert wie Schreibnamen, also Familiennamen. (In Wien würde man einfach sagen: Namen.)
Nicht aufregen, wenn das Gegenüber anders reagiert als erwartet. Nicht alles geht von heut auf morgen. Wie hätte mein Vorgänger Gottfried Rainer (1944–2018) gesagt? „Gemach, gemach. Nur mit der Ruhe.“ Gottfried kannte sich aus. Er baute die TT in Osttirol auf und leitete sie jahrzehntelang.
33 Gemeinden, 50 Dialekte
Ach ja: Wir wollten doch über Sprache sprechen. Für Ostösterreicher ist Osttirol ein beinhartes Pflaster. Von den 33 Gemeinden hat jede mindestens einen eigenen Dialekt. Was das für Neulinge des Osttirolerischen bedeutet, ist leicht vorstellbar. Damit wir uns nicht missverstehen: Sprachen habe ich immer schon geliebt, und lernwillig bin ich bis heute, aber es gibt nun einmal Grenzen. Ich sage nur so viel: Innervillgraten!
Es war in den ersten Jahren meiner Laufbahn, als ich aus dem Innervillgrater Gemeinderat berichten sollte. Das Problem: Ich verstand kein einziges Wort, und das ist keine Übertreibung. Was blieb mir übrig, als am nächsten Tag beim Bürgermeister rückzufragen? Sein Gesicht konnte ich am Telefon nicht sehen, aber ich bin sicher, er hat gelacht. So wie der jetzige Bürgermeister Andreas Schett, als ich ihm die Geschichte erzählte.
Der Clou bei der Sache: Ich bin studierte Übersetzerin, samt Diplom und Magister-Titel. Doch bei dieser Fremdsprache war mein gesamtes akademisches Wissen nutzlos.
Und heute? Telefonate wie das am Anfang geschilderte habe ich inzwischen unzählige Male geführt. Die plötzliche Wendung vom „Du“ zum „Sie“ kommt vor, ist aber seltener geworden. In den 20 Jahren als TT-Redakteurin habe ich gelernt, Netze zu knüpfen. Das bringt berufliche Vorteile, geht aber weit darüber hinaus. Man kennt sich und ist per Du, wie es in Osttirol üblich ist.
„Wer bisch eppa du?“
Als Journalistin lerne ich den Bezirk immer wieder neu kennen, die unbeschreiblich schöne Natur, die ich nie mehr missen will. Die selbstverständliche Nachbarschaftshilfe. Den Fleiß, die Ausdauer und das Durchhaltevermögen der Menschen.
„Wer bisch eppa du?“, wurde ich in den ersten Jahren einmal gefragt. Damals hat mir diese Direktheit die Sprache verschlagen. Würde ich mir heute selbst eine Antwort geben, so würde sie lauten: „Ich bin Lienzerin.“
Zur Person
Catharina Oblasser, geboren 1966 in Mödling bei Wien, absolvierte am Dolmetschinstitut der Universität Wien das Übersetzer-Studium. 1996 von Wien nach Lienz übersiedelt. Von 1999 bis Ende 2005 freie Mitarbeiterin bei der Kleinen Zeitung, Bezirksredaktion Osttirol. Seit 1. Jänner 2006 Redakteurin der Tiroler Tageszeitung für Osttirol. Drei erwachsene Kinder. Lebt in Lienz.