Das große Herumkugeln
Beim Bubble Soccer kickt man den Ball nicht nur, man verwandelt sich in ihn. Die TT testete den „umwerfenden“ Sport.
Handlich ist er nicht, der Ball, den Marco Seitner für sein Turnier aufbläst. Warum auch? Schließlich geht es vor seinem Büro am Fuße der Zugspitze nicht darum, den Giganten, der ihm fast bis zum Hals reicht, ins Tor zu kicken, sondern darum, selbst zum Ball zu werden. „Bubble Soccer nennt sich der Trendsport, bei dem die Körper-Koordination trainiert wird“, erklärt der Geschäftsführer der Alpinschule Lermoos.
Klingt vielversprechend. Theoretisch. Praktisch ist es schon herausfordernd, in die 50 Zentimeter schmale, 1,5 Meter lange Innenröhre der Bubble zu schlüpfen. In die Knie, nach vorne robben, die Arme vor sich recken, um sie in die Haltegurte zu fädeln, kurz innehalten, um klaustrophobe Bedenken zu verdrängen. Kurzum: Mit der Eleganz und Geschmeidigkeit eines Stahlträgers wühle ich mich in den Ball. Leises Schimpfen inklusive, als es erstaunlich viel Kraft bedarf, um von diesem 15-Kilo-Ganzkörperairbag umgeben aufzustehen, ohne dabei gleich umzukippen.
Oder man macht es mit der Ästhetik von Marco: Mit einem Sprung, als ziele ein Delfin durch einen Ring, hechtet er hinein, justiert die Schultergurte, erhebt sich und ruft: „Anpfiff!“
Wer annimmt, es gehe jetzt um feine Technik, durchdachtes Dribbeln und Ballstaffetten, um den realen Fußball ins Tor zu befördern, der irrt. Es wird „gebumpt“. Ich überlege noch, was Marco mit diesem Wort meinen könnte, als er es vorführt. Frontal. Mit Wucht.
Er „wummst“, das Wort trifft es wohl am besten, mit seinem Ball gegen meinen. Ich taumle, kippe nach hinten, mache eine Art Purzelbaum rückwärts und muss zugeben, dass das Kind in mir vor Freude johlt.
Hierarchien werden flach
„Das andere Team wird hier nicht elegant umspielt, um Tore zu erzielen. Beim Bubble Soccer stürmt man aufeinander zu, und speckt Kontrahenten weg, um sich den Weg zum Tor zu bahnen“, schildert der ausgebildete Industriekletterer, der unter anderem 30 Meter hohe Silos in Äthiopien repariert hat.
Kein Wunder, dass das Team-Event nicht nur bei Schulklassen und Junggesellenabschieden heiß begehrt ist: „Auch hochrangige Manager buchen das Spiel als Teil eines Teambuildings, bei dem sie auch Bier brauen, Canyoning machen, klettern, Iglus bauen oder wandern.“ Gerade jetzt, in Zeiten des Homeoffice, sei Bubble Soccer immer gefragter: „Weil sich Mitarbeiter oft nur am Display sehen und kaum persönlich kennen.“
„Buchen Arbeitsgruppen Bubble Soccer, verschwimmt dabei die Hierarchie und das Ego wird gestärkt.“
Marco Seitner, Alpinschule Geschäftsführer
Egal ob Sekretärin oder CEO
So beobachtete der Biberwierer, wie Hemmungen überwunden und das Selbstbewusstsein von Gruppen gestärkt wurden: „Anfangs sind Mitarbeiter ihren Chefs gegenüber defensiv. Doch dieses ausgelassene Spiel sorgt dafür, dass die Hierarchie der Gruppe, bis sie abends zusammensitzt, verschwimmt und es keinen Unterschied mehr macht, ob man CEO oder Sekretärin ist.“
Schließlich gibt es beim Bubble Soccer auch keine klaren Positionen: Torhüter, Stürmer, Verteidiger? Fehlanzeige. Klar ist bei dem wahrlich umwerfenden Vollkontaktsport nur, dass alle zu Kindern werden.
Es wird gerammt und gefoult, gekullert und gekichert. Sind nach einer Stunde auch Tore gefallen? Vermutlich. Aber wer zählt da schon mit...
Weitere Informationen findet man unter: www.alpinschule-lermoos.com
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