Gesprächsreigen in Washington

Neue US-Waffen für die Ukraine: Die Rechnung zahlen die Europäer

Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj (l.) und Deutschlands Verteidigungsminister Boris Pistorius beim Besuch ukrainischer Soldaten, die in Deutschland für die Bedienung von Patriot-Flugabwehrsystemen ausgebildet werden.
© AFP/Büttner

Die Ukraine soll wieder Patriot-Luftabwehrsysteme aus den USA erhalten. US-Präsident Trump will dafür die Europäer zur Kasse bitten. Kehrtwende in der Russland-Politik angedeutet.

Washington, Kiew, Moskau – US-Präsident Donald Trump will nach eigenen Angaben Patriot-Waffensysteme an die Europäer verkaufen, welche diese dann der Ukraine übergeben. „Für uns wird das ein Geschäft sein, und wir werden ihnen Patriots senden, die sie dringend brauchen“, sagte der US-Präsident. Deutschlands Kanzler Friedrich Merz hatte vergangene Woche erstmals öffentlich die Bereitschaft Deutschlands erklärt, den USA Patriot-Flugabwehrsysteme abzukaufen, um sie dann in die Ukraine zu schicken. Dem Vernehmen nach geht es um zwei Systeme, ein weiteres soll von Norwegen finanziert werden. Die Ukraine hat den Bedarf auf insgesamt zehn Systeme beziffert.

„Massive“ Waffenlieferungen

Die USA und die NATO haben sich auf „massive“ Waffenlieferungen für die Ukraine geeinigt. Dies erklärte NATO-Generalsekretär Mark Rutte am Montag nach einem Treffen mit Us-Präsident Trump im Weißen Haus. Laut Rutte und Trump sollen US-Waffen, etwa für die Luftabwehr, von europäischen Ländern bezahlt werden. „Wir werden Waffen der Spitzenklasse herstellen und sie an die NATO liefern“, sagte Trump. Für die Kosten würden die NATO-Mitgliedsländer aufkommen und nicht der US-Steuerzahler, fügte er hinzu.

Trump droht Handelspartnern Russlands mit Mega-Zöllen

Zudem droht Trump Handelspartnern Russlands wie Indien oder China mit Zöllen in Höhe von etwa 100 Prozent. Die angedrohten Zölle würden erhoben, wenn es bei den Bemühungen um ein Ende des russischen Krieges gegen die Ukraine innerhalb von 50 Tagen keinen Deal gebe.

Am Montag wollte der US-Präsident auch eine Erklärung zu seiner Russland-Politik abgeben. Zuletzt schien Trump ja eine Kehrtwende zu vollziehen. Sein einst gutes Verhältnis zu Russlands Präsident Wladimir Putin scheint beschädigt, während er der Ukraine wieder mehr Unterstützung verspricht – zumindest vorerst und dann, wenn die Europäer dafür zahlen.

„Putin hat wirklich viele Menschen überrascht. Er redet schön und bombardiert dann am Abend alle“, sagte Trump am Sonntag. „Aber es gibt da ein kleines Problem. Das gefällt mir nicht.“ Nach einem Telefonat Trumps mit Putin Anfang Juli erlebte Kiew die heftigsten russischen Angriffe seit Kriegsbeginn.

Am Montag reiste auch Deutschlands Verteidigungsminister Boris Pistorius nach Washington, um mit seinem Amtskollegen Pete Hegseth über die weitere Unterstützung für die Ukraine zu beraten und möglicherweise den Patriot-Deal schon zu finalisieren.

Unterdessen traf der US-Sonderbeauftragte Keith Kellogg in Kiew mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zusammen.

Kurswechsel?

Der einflussreiche republikanische US-Senator Lindsey Graham stellte bereits vor Trumps jüngster Ankündigung von Patriot-Lieferungen einen möglichen Kurswechsel in der Russland-Politik in Aussicht. „Ein Wendepunkt in Bezug auf Russlands Invasion in der Ukraine steht bevor“, sagte er dem US-Fernsehsender CBS am Sonntag. Seit Monaten habe Trump versucht, Kremlchef Wladimir Putin an den Verhandlungstisch zu bringen. „Er hat die Tür in Bezug auf Russland offen gehalten – diese Tür ist dabei, sich zu schließen“, so Graham. Putin habe damit gerechnet, dass die USA und Europa müde werden könnten. „Er hat einen großen Fehler gemacht.“

Erst vor wenigen Wochen noch hatte Trump dem ukrainischen Präsidenten vorgeworfen, den Krieg mit aufhetzenden Äußerungen zu verlängern. Gegenüber Putin zeigte er dagegen Verständnis. Nun sieht Selenskyj „positive Veränderungen“. Am Sonntag hat Selenskyj die stellvertretende Ministerpräsidentin Julia Swyrydenko mit der Leitung der Regierung beauftragt. Sie gilt als Wirtschafts- und Handelsexpertin.

Unterdessen wirft der Kreml der Ukraine vor, Verhandlungen über die Beendigung des Krieges bewusst zu verzögern. Moskau sei bereit für eine dritte Gesprächsrunde. (TT, dpa, APA, Reuters)

„Trump hat seine Ziele nicht erreicht“

Der Innsbrucker Politologe und Russland-Experte Gerhard Mangott über Trumps Russland-Politik.

Sehen auch Sie einen Bruch in der Beziehung zwischen Trump und Putin? Könnte eine Kehrtwende in Trumps Russland-Politik bevorstehen?

Trump hat vollmundig eine rasche Verhandlungslösung versprochen, welche den Krieg in der Ukraine beenden sollte. Doch er hat seine Ziele nicht erreicht. Putin habe ihn für dumm verkauft, heißt es nun. Und Trump scheint jetzt dem Druck aus seiner Republikanischen Partei, in der viele einen weit härten Kurs gegenüber Moskau fordern, und auch aus NATO-Kreisen nachzugeben. Die russische Führung könnte sich im Umgang mit Washington überschätzt haben. Eines ist aber auch klar: Trump kann seine Meinung und seine Politik auch rasch wieder ändern.

Kann die Ukraine nun auf Trump zählen?

Trump geht es ums Geschäft, um Aufträge für die US-Rüstungsindustrie. Europäisch­e Staaten sollen die Rechnung dafür begleichen. Trump verspürt nicht die moralische Pflicht, die Ukraine zu unterstützen.

Kann Europa die Heraus­forderungen stemmen?

Europa arbeitet an seiner Wiederaufrüstung. Und soll jetzt alleine die Ukraine unterstützen. Doch die Kapazitäten der europäische­n Rüstungsindustrie sind begrenz­t. Und die Staatshaushalte vieler europäischer Staaten stehen unter großem Druck.

Das Interview führte Christian Jentsch