Therapie trotz Sprachbarriere: Ankyra hilft geflüchteten und migrierten Menschen
Seit mehr als 20 Jahren bietet Ankyra Geflüchteten und Migrant:innen interkulturelle und traumaspezifische Psychotherapie an.
„Krieg, Flucht, Folter, Tod – viele unsere Klientinnen und Klienten haben Schwerstes durchlebt. Sie leiden oft unter komplexen Traumafolgestörungen“, sagt Teresa Santer, die fachliche Leiterin von Ankyra. Das Zentrum für interkulturelle und traumaspezifische Psychotherapie des Diakonie Flüchtlingsdienstes begleitet seit über 20 Jahren geflüchtete und migrierte Menschen auf ihrem Weg zu mehr seelischer Stabilität. „Wir sind die einzige Einrichtung dieser Art in Tirol – mit einem speziell auf interkulturelle und traumaspezifische Psychotherapie ausgerichteten Angebot“, betont Fariba Jabbar Khani, die Einrichtungsleiterin.
Es sind Männer, Frauen und Kinder – 400 bis 450 Klient:innen pro Jahr –, die bei Ankyra Hilfe finden. Viele kommen von selbst, manche werden von ÄrztInnen, in Krankenhäusern oder Rehaeinrichtungen dem kostenlosen Angebot zugewiesen. „Wir bekommen viele Anfragen, leider haben wir im Moment eine Wartezeit von etwa einem Jahr“, sagt Fariba Jabbar Khani.
Die lange Wartezeit sei vor allem eine Folge der begrenzten finanziellen Mittel: „Wir sind abhängig von den Förderungen, die wir bekommen.“ Auch die Kapazitäten der rund 30 Psychotherapeut:innen – sie arbeiten in eigenen Praxen, vorwiegend in Innsbruck und punktuell in den Regionen – spielen dabei eine Rolle.
Für Außenstehende wirkt die Sprachbarriere oft wie eine große Herausforderung in der Therapie. Doch dem wird aktiv entgegengewirkt: „Wir arbeiten mit etwa 30 Dolmetscher:innen zusammen, die alle speziell geschult sind“, erklärt Fariba Jabbar Khani. Sie decken zahlreiche Sprachen ab – darunter Arabisch, Dari, Farsi, Russisch, Türkisch, Bosnisch, Kroatisch und Serbisch, aber auch Französisch und Spanisch.
„Trotzdem bleiben für uns Therapeutinnen und Therapeuten die sprachlichen Nuancen manchmal verborgen. Es gibt Redewendungen, die in unserer Sprache so nicht vorkommen. Manchmal hat eine Sprache für etwas viele Wörter, für das wir im Deutschen nur ein Wort haben.“
Auch, wie Symptome beschrieben und benannt werden, könne sich in den verschiedenen Kulturen unterscheiden. So könne es – buchstäblich – zu Missverständnissen kommen. „Es braucht einfach mehr Zeit und auch Feingefühl, um den Problemen auf den Grund zu kommen“, erklärt Teresa Santer, die selbst Klient:innen betreut.
Für Einzelsitzungen gibt es klare Abläufe, die eine vertrauensvolle und effektive Kommunikation ermöglichen. „Fallführend ist immer der Therapeut oder die Therapeutin. Die Dolmetscher:innen sprechen in der Ich-Form, damit die Erzählungen der Klient:innen möglichst direkt und authentisch übermittelt werden“, erklärt die Psychotherapeutin.
Auch der direkte Blickkontakt zwischen Therapeut:in und Klient:in spielt dabei eine wichtige Rolle. „Über die Augen geschieht sehr viel – ich nehme viel wahr, auch wenn ich die Sprache nicht verstehe.“ Mit der Zeit entwickelt sich oft ein natürlicher „Flow“ zwischen Dolmetscher:in, Therapeut:in und Klient:in. „Das ist dann richtig schön.“
Regelmäßiger Austausch im Team
Vor- und Nachbesprechungen gehören für das Team immer dazu. „Die Dolmetscher:innen können uns dann zum Beispiel auf sprachliche Nuancen aufmerksam machen oder Dinge, die sie bemerkt haben.“
Die Geschichten, die Therapeut:innen und Dolmetscher:innen zu hören bekommen, können auch für sie emotional sehr belastend sein. „Es besteht immer die Gefahr einer sogenannten sekundären Traumatisierung“, erklärt Teresa Santer. Das bedeutet, dass die traumatischen Erzählungen psychische Auswirkungen auf die Helfenden haben. „Zum einen setzten wir auf kontinuierliche Fortbildung. Zudem bieten wir Intervision und Supervision an. Und wir tauschen uns bei regelmäßigen Treffen im ganzen Team aus.“
Für Teresa Santer ist die Arbeit bei Ankyra eine große Bereicherung. „Ich bekomme neue Einblicke in andere Kulturen. Es hilft mir, auch Menschen in meiner eigenen Lebenswelt besser zu verstehen.“
Ankyra
Die Einrichtung spezialisiert sich auf traumazentrierte Psychotherapie für Geflüchtete und Migrant:innen.
Das Angebot ist für die Klient:innen kostenfrei. Es gibt sowohl Einzel- als auch Gruppenpsychotherapie sowie psychiatrische Beratung.
Kontaktdaten: Müllerstr. 7, Innsbruck; Tel. 0512/564129; E-Mail: ankyra@diakonie.at; Homepage: www.diakonie.at/
Kommentare