Druck auf Israel steigt

Hungersnot im Gazastreifen: „Kurz vor dem Kipppunkt“

Hungernde Kinder bei einer Essensausgabe im Gazastreifen. Laut Ärzte ohne Grenzen sind bereits 25 Prozent der Kinder im Alter von sechs Monaten bis fünf Jahren mangelernährt. Und es könnte schon bald noch viel schlimmer kommen.
© imago/Anadolu

Die beiden österreichischen Hilfsorganisationen Ärzte ohne Grenzen und Caritas warnen eindringlich vor einer Massenhungersnot im Gazastreifen. International wächst die Kritik an Israels Regierung.

Gaza, Tel Aviv, Wien – Die humanitäre Lage in Gaza steht „kurz vor dem Kipppunkt“, warnen nun auch österreichische Hilfsorganisationen. Die eintreffenden Hilfstransporte würden nicht ausreichen, die Zahl der Todesfälle durch Hunger und schwere Mangelernährung täglich steigen, erklären sowohl Ärzte ohne Grenzen als auch die Caritas. Zudem sei humanitäre Hilfe über Luftbrücken „gefährlich und nicht treffsicher“. Ohne sofortigen Waffenstillstand und umfassende Hilfe über den Landweg drohe aus dem Massenhunger ein Massensterben zu werden.

Appell an die Regierung

Die österreichische Bundesregierung müsse dringend „alle politischen, diplomatischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten“ nutzen, um das zu verhindern und dafür ihren Einfluss bilateral sowie in der EU und der UNO geltend machen, forderten die beiden Hilfsorganisationen. Nur ein dauerhafter Waffenstillstand und groß angelegte humanitäre Hilfe für die gesamte Bevölkerung könnten noch verhindern, dass eine Massenhungersnot ausbricht und die Zahl der Menschen, die an den Folgen des Krieges sterben, sprunghaft ansteigt.

Die aktuellen Hilfsgüter, die mit Lkw in den Gazastreifen kommen, decken laut internationalen Organisationen den Bedarf bei Weitem nicht. Auch die via Luftbrücke gelieferte Hilfe könne eine humanitäre Katastrophe nicht abwenden. Es sei keine Zeit zu verlieren, „es muss gehandelt werden – jetzt“, forderten die heimischen NGOs.

Laut Ärzte ohne Grenzen sind bereits 25 Prozent der Kinder im Alter von sechs Monaten bis fünf Jahren und 25 Prozent der schwangeren und stillenden Frauen im Gazastreifen mangelernährt. „Unsere Teams in Gaza sind verzweifelt. Es wird immer schwieriger zu helfen. Medizinische Einrichtungen sind nicht oder nur teilweise funktionsfähig, es fehlt an Medikamenten und medizinischem Material und wir können unsere PatientInnen nur noch unzureichend mit Essen versorgen“, so Laura Leyser, Geschäftsführerin von Ärzte ohne Grenzen Österreich. Der Druck auf Israel steigt.

Die humanitäre lage im Gazastreifen ist katastrophal.
© IMAGO/Habboub Ramez/ABACA

Deutschland fordert sicheren Zugang auf dem Landweg

Vor seiner Reise nach Israel und ins Westjordanland hat Deutschlands Außenminister Johann Wadephul am Donnerstag vor einer möglichen Annexion palästinensischer Gebiete gewarnt und Israel aufgerufen, sichere Zugänge auf dem Landweg in das Kriegsgebiet zu schaffen. Er forderte die israelische Regierung „dringend“ auf, „den Vereinten Nationen und den internationalen Hilfsorganisationen sicheren Zugang und vor allem auch sichere und effektive Verteilung zu ermöglichen“. Nur über den Landweg könnten Hilfsgüter die Menschen in ausreichender Menge erreichen, so Wadephul. Das Sterben und Leiden im Gazastreifen habe „unfassbare Dimensionen angenommen“. Und er erklärte: Deutschland stehe zur Zwei-Staaten-Lösung und billige illegale Siedlungen im Westjordanland nicht.

Auch Kanada will Palästina als Staat anerkennen

Nach Frankreich und Großbritannien hat auch die kanadische Regierung die Anerkennung eines Palästinenserstaates bei der UNO-Vollversammlung im September in Aussicht gestellt. Die Entscheidung sei von Kanadas „langjähriger“ Überzeugung von einer Zwei-Staaten-Lösung im israelisch-palästinensischen Konflikt geprägt, erklärte Kanadas Premier Mark Carney.

Schweden will Handelsabkommen mit Israel einfrieren

Schweden fordert mit Blick auf die humanitäre Krise im Gazastreifen, den Handel der EU mit Israel vorübergehend auf Eis zu legen. Die Situation in Gaza sei absolut entsetzlich und Israel komme seinen grundlegendsten Verpflichtungen und Vereinbarungen zur Nothilfe nicht nach, schrieb Schwedens Premier Ulf Kristersson auf X.

Trump sieht Schuld für humanitäre Katastrophe bei der Hamas

US-Präsident Donald Trump hat der Hamas die zentrale Rolle für das Leid der Menschen im Gazastreifen zugewiesen. „Der schnellste Weg, um die humanitäre Krise in Gaza zu beenden, ist, DASS DIE HAMAS KAPITULIERT UND DIE GEISELN FREILÄSST!!!“, schrieb er auf Truth Social. Zudem verhängten die USA Sanktionen gegen die Palästinensische Autonomiebehörde und die Palästinensische Befreiungsorganisation.

Israelische Siedler griffen Dörfer an

Bei einem Angriff israelischer Siedler auf palästinensische Dörfer im Westjordanland wurde nach palästinensischen Angaben ein Mann getötet. Der 45-Jährige sei an Brandrauch erstickt. Siedler hätten in dem Ort Silwad zwölf Fahrzeuge und ein Haus angezündet. (TT, APA, dpa, Reuters)