Eine ganz besondere Wohngemeinschaft in Hall: „Das ist gelebte Inklusion“
Laura lebt mit fünf Mitbewohner:innen in einer Wohngemeinschaft des Netzwerks St. Josef in Hall. Acht Betreuerinnen und Betreuer begleiten die Menschen mit Behinderungen durch den Tag.
Hall – Laura wartet schon an der Türe, begrüßt die Besucher, führt sie in die helle Wohnküche. Sie bietet ihnen einen Platz auf der Couch an. Die zierliche Frau setzt sich gleich dazu, während sich ihre fünf MitbewohnerInnen lieber zurückziehen. Laura lebt in einer Wohngemeinschaft des Netzwerks St. Josef in Hall. Die Klient:innen in der Wohnung kennen sich seit Kindertagen, mittlerweile sind sie zwischen Mitte 20 und Mitte 30 Jahre alt. Acht Betreuerinnen und Betreuer begleiten die Menschen mit Behinderungen durch den Tag.
Einer von ihnen ist Franz Wimmer. Er setzt sich zu Laura auf das Sofa: „Wollen wir ein bisschen rausgehen?“, fragt er. „Dann ziehen wir schnell die Schuhe an.“ Laura lächelt, nickt, und kurz darauf kann es losgehen. Der Spaziergang durch die Haller Gassen gehört eigentlich täglich dazu.
„Manchmal bringen die Klientinnen und Klienten die Post weg. Über die Aufgabe freuen sie sich“, sagt Franz Wimmer. „Man muss ihnen auch Dinge zutrauen, sie fördern und auch manchmal fordern – im Bereich ihrer Fähigkeiten –, damit sie möglichst viel selbst bewältigen.“ Damit wächst auch ihr Selbstvertrauen. „Und sie freuen sich, wenn sie etwas Neues geschafft haben.“
Jeder und jede der sechs Bewohner:innen hat spezielle Bedürfnisse. „Sie haben unterschiedliche kognitive und körperliche Einschränkungen, unter anderem auch Autismusspektrum.“ Ohne oder nur mit wenigen Worten zu kommunizieren, ist nicht immer einfach. „Man entwickelt mit jedem und jeder gewissermaßen eine eigene Sprache.“ Mit Lauten oder mit Gebärden zum Beispiel. Auch Hilfsmittel wie Piktogramme werden genutzt. „Kommunikation ist immer möglich, nur eben in anderen Formen. Ja und Nein kann jeder und jede sagen oder zeigen. Das Wichtigste ist, dass wir und die Klient:innen uns immer auf Augenhöhe begegnen“, sagt Franz Wimmer.
Netzwerk St. Josef
Das Netzwerk St. Josef ist Teil der Sozialen Einrichtungen der Barmherzigen Schwestern von Zams. Menschen mit Behinderung jeglichen Erwachsenenalters finden hier Unterstützung, indem ihnen verschiedenste Dienstleistungsangebote in den Bereichen Wohnen, Arbeit, Beschäftigung, Therapie sowie Freizeitgestaltung offen stehen.
Standorte: Mils bei Hall (Basis), Mieders, Hall, Volders, Baumkirchen, Wattens und Schwaz.
Internet: www.soziale-einrichtungen.at
Missverständnisse kommen vor. „Oft lösen sich die aber schnell und mit einem Lachen auf. Das Wichtigste ist, einen sicheren Rahmen für unsere Klientinnen und Klienten zu schaffen, eine gute Beziehung aufrechtzuerhalten.“
Für die KlientInnen ist ein strukturierter Tages- und Wochenablauf enorm wichtig. Die sechs Bewohner:innen der Haller WG gehen unter der Woche morgens zur Arbeit. Um 9 Uhr startet die sogenannte Tagesstruktur, ihre Aufgaben sind an ihre Fähigkeiten angepasst. Die Betreuer:innen sind immer in engem Kontakt mit ihren Kolleg:innen. „So wissen wir alle immer, wo unsere KlientInnen gerade stehen, welche Fortschritte sie machen oder wo es vielleicht gerade schwierig ist.“
Um 14 Uhr kommen die ersten wieder heim, dann sind zwei der Betreuer:innen schon in der Wohnung. Um 16 Uhr kommen dann die anderen zurück. Anschließend wird mit allen gemeinsam das Abendessen vorbereitet. An den Wochenenden stehen Ausflüge auf dem Programm – auf die Herreninsel im Chiemsee zum Beispiel, in die Therme oder auch in den Erlebnisdome Schwaz und das Audioversum in Innsbruck. „Manchmal sind wir alle zusammen unterwegs, manchmal teilen wir uns auf“, erklärt Franz Wimmer.
Auch in Hall und Umgebung sind sie mit ihren Klient:innen immer wieder unterwegs. „Wir besuchen Festivals, Konzerte und auch Bälle. Wir sind Teil des Lebens im Ort und wir nehmen daran auch teil. Das ist gelebte Inklusion.“
Der Spaziergang an diesem späten Nachmittag geht zu Ende, gleich gibt es Abendessen. Laura verabschiedet sich vor dem Haus. Durch die Fenster ist von oben Lachen zu hören. „Bei uns in der WG geht es oft lustig zu. Es macht wirklich Spaß, hier zu arbeiten“, sagt Franz Wimmer zum Abschied. Und dann beginnt für ihn der Nachtdienst.
Arbeiten im Sozialbereich
„Sie sollen einfach Kind sein dürfen“: Wie lilawohnt Frauen und ihren Kindern hilft
Arbeiten im Sozialbereich
Kommentare