Ukraine unter Dauerbeschuss: „Kiew lebt mit Tränen in den Augen“
Russland überzieht die Ukraine mit den heftigsten Drohnen- und Raketenangriffen seit Beginn des Angriffskriegs Ende Februar 2022. In der ukrainischen Hauptstadt vergeht kaum eine Nacht ohne Luftalarm.
Kiew – Sirenengeheul: Es ist wieder Luftalarm in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Militärnahe Telegramkanäle melden eine russische Drohne, die aus Osten kommend über den Fluss Dnipro in Richtung Stadtzentrum fliegt. Das markante Brummen der anfänglich Mopeds getauften Kampfdrohnen iranischer Bauart nähert sich bedrohlich. Eine Rakete steigt auf, ein Knall. „Update: vernichtet durch die Flugabwehr“, ist zu lesen.
Doch die Ruhe, sie währt nicht lange. Dutzende weitere Drohnen und später auch Raketen bereiten den drei Millionen Kiewern eine Nacht voller Angst und Schrecken. Seit Jahresbeginn setzt das russische Militär mehr Drohnen ein als noch vor einem Jahr und konzentriert sich mit seinen Angriffen auf Ziele in einer Region. Kaum eine Nacht in Kiew vergeht mehr ohne Luftalarm. Selbst die Flugabwehr der besonders geschützten Hauptstadt wird immer häufiger durchbrochen. Bewohner der Stadt sprechen von einem Glücksspiel.
Nacht in der U-Bahn
Im historischen Stadtzentrum eilen Menschen mit kleinen Taschen, Isomatten und Decken ausgestattet auf das grün leuchtende „M“ der Metro-Station „Goldenes Tor“ zu. Mütter nehmen ihre Kinder an die Hand, die in ihren Rucksäcken das Notwendigste für die Nacht dabeihaben. Schlafende Kinder tragen die Eltern im Arm hinunter in die tiefe U-Bahn-Station, die in sowjetischer Zeit auch als Schutz vor einem US-Atomangriff gedacht war. Einige richten sich gleich im Eingangsbereich der Station ein. Sie sitzen auf Treppen, den Heizkörpern oder legen sich auf eine Isomatte und versuchen im Halbdunkel der Notbeleuchtung unter dem regelmäßigen Piepen der Automaten zu schlafen.
Die meisten begeben sich unter die Erde. Dort haben sich viele bereits mit ganzen Matratzen oder Feldbetten eine Schlafstätte bereitet oder setzen sich auf bereitgestellte Klappsitze.
Immer wieder ist aus der Ferne der Gefechtslärm aus der Luft zu hören. Bürgermeister Vitali Klitschko und der konkurrierende Militärgouverneur Tymur Tkatschenko informieren auf Telegram über die Folgen. Gegen eins in der Nacht melden sie erste Verletzte und Brände in mehreren Stadtteilen. Videos zeigen bereits Drohneneinschläge im Süden der Stadt um den von der Flugabwehr genutzten Stadtflughafen Schuljany.
Auf Drohnen folgen Raketen
Nach etwa viereinhalb Stunden ist der erste Luftalarm vorüber. Viele Menschen verlassen die U-Bahn wieder und gehen nach Hause – in der Hoffnung auf eine ruhige Restnacht. Doch die Ruhe währt nicht lange. Um halb fünf heulen die Sirenen wieder. „Für Kiew besteht Gefahr durch ballistische Raketen“, schreibt Tkatschenko bei Telegram. Nach dem Start haben sie eine Flugzeit von unter drei Minuten. Die U-Bahn-Station füllt sich wieder. Doch auf Telegram ist von mehreren Gruppen von Marschflugkörpern zu lesen, die sich der Hauptstadt nähern. Diese brauchen länger als ballistische Raketen. Etwas mehr Zeit, um sich an einen sicheren Ort zu begeben. Wenig später erschüttern gut ein Dutzend Explosionen innerhalb kurzer Zeit die Stadt. In einem Innenhof in Metronähe heulen die Auto-Alarmanlagen los, so heftig sind die Druckwellen.
Eine junge Frau mit modischem Kurzhaarschnitt zuckt beim Donnern heftig zusammen und beginnt leise zu schluchzen. Sie ist mit ihrem Partner, dem Hund und einer Katze in einer Tragetasche kurz zuvor in die Metro geeilt. Der Mann streichelt tröstend ihren Kopf, dabei das Handy nicht aus den Augen lassend.
Inmitten des Krachens der Flugabwehrraketen kommt ein Lieferant mit frischer Backware für den Kiosk im U-Bahn-Eingangsbereich. Ungerührt vom Lärm draußen lädt er die Kisten aus und bereitet die Auslagen für die Öffnung am nächsten Morgen vor. Einer der Wartenden fragt mit Blick auf das Gebäck: „Wann macht ihr auf?“ – „Um sieben“, lautet die lakonische Antwort, während draußen weiter die Flugabwehr zu hören ist. Die geleerten Kisten wieder auf seine Sackkarre packend, rollt er genauso stoisch ins Freie und fährt weiter. Nach fast 40 Minuten ist auch dieser Flugalarm vorüber.
Nur eine Minderheit kann in der Dreimillionenstadt Schutz in der U-Bahn, den Tiefgaragen oder einem der wenigen vorhandenen Schutzräume suchen. Die meisten bleiben in den eigenen vier Wänden, wie Inna. „Bei uns ist fast jeden Abend Disco“, sagt die Friseurin aus dem Stadtteil Darnyzja. „Ich liege bei offenem Fenster im Bett und schaue, wie eine Salve nach der anderen in die Luft steigt“, schildert sie die Nächte im Osten der Stadt. In einen Schutzraum oder die Metro will sie nicht gehen. „Das ist wie eine Lotterie“, sagt sie über Einschläge in Wohnhäusern redend.
Wohnung statt Schutzraum
Auch Natalija zieht die eigene Wohnung vor. „Wir hüllen uns in Decken im Flur ein und warten ab“, sagt die Kioskverkäuferin, die nahe der oft attackierten Raketenfabrik „Artem“ im Stadtteil Lukjaniwka westlich des Zentrums wohnt. Die Stadt zu verlassen, kommt für sie schon wegen ihrer zwei Söhne an der Front nicht infrage. „Kiew lebt gerade mit Tränen in den Augen“, sagt sie mit Blick auf die Opfer an der Front und in der Stadt selbst. In der Bilanz der ukrainischen Flugabwehr ist später von einem Angriff mit über 300 Drohnen und acht Marschflugkörpern zu lesen. Mehrere Häuser sind teils komplett zerstört und es gibt mindestens 31 Tote zu beklagen. Dennoch spielt am Abend der Gitarrist am Goldenen Tor wie jeden Tag für die zahlreichen Flanierenden die in Sowjetzeiten komponierte Stadthymne: „Wie könnte man dich nicht lieben, mein Kiew.“ (dpa, APA)