Debatte um Arbeitszeiten

Studie ortet Milliardenverluste durch freiwillige Teilzeit in Österreich

Hunderttausende Österreicher:innen könnten Vollzeit arbeiten, tun es aber nicht, sagt die Agenda Austria. Die Gewerkschaft kontert scharf.
© APA/dpa/Peter Kneffel

Die Diskussion um die hohe Teilzeit-Quote in Österreich nimmt weiter Fahrt auf. Die wirtschaftsliberale Denkfabrik Agenda Austria rechnet jetzt vor, dass freiwillige Teilzeitarbeit den Staat jährlich Milliarden kostet. Die Gewerkschaft kontert scharf: Wer Teilzeit arbeitet, tue das nicht aus „Lifestyle-Gründen“. Sie fordert Steuer-Fairness statt „Teilzeit-Bashing“.

Freiwillig in Teilzeit arbeiten – wer das macht, gerät immer stärker ins Zentrum einer Debatte um Leistung, Kosten und Verantwortung. Am Freitag hat die wirtschaftsliberale Denkfabrik Agenda Austria neue Zahlen in die Diskussion eingebracht.

Der Think Tank sieht im hohen Anteil freiwilliger Teilzeitbeschäftigter ein erhebliches finanzielles Problem für das österreichische Sozialsystem. Laut aktuellen Berechnungen entgehen dem Staat demnach jährlich rund 4,9 Milliarden Euro an Einnahmen, weil etwa 320.000 Teilzeitbeschäftigte keine Vollzeitstelle anstreben – obwohl sie dazu in der Lage wären.

Im Jahr 2024 waren in Österreich rund 1,34 Millionen Menschen im Alter von 15 bis 64 Jahren in Teilzeit beschäftigt. Davon gaben etwa 24 Prozent an, keine Vollzeitbeschäftigung anzustreben. In der Zahl von 320.000 Menschen, die freiwillig keine Vollzeitstelle anstreben, sind Studenten mit Teilzeitjobs nicht enthalten.

Der Sozialversicherung entgehen 3,1 Mrd. Euro

Würde diese Personengruppe stattdessen eine Vollzeitstelle zum medianen Bruttojahreseinkommen ausüben, würden die zusätzlichen Sozialversicherungsbeiträge bei etwa 3,1 Mrd. Euro, die gesamten staatlichen Mehreinnahmen (inklusive Lohnsteuer und Lohnnebenkosten) bei etwa 4,9 Mrd. Euro jährlich liegen, so die Agenda Austria. Die Schätzung sei konservativ, da etwa unter jenen mit Betreuungspflichten viele seien, die grundsätzlich auch Vollzeit arbeiten könnten, es aber bewusst nicht tun.

Die Agenda-Austria-Zahlen liefern damit neuen Stoff für die laufende Debatte über Teilzeit in Österreich. „Die Teilzeit-Beschäftigung hat seit 2009 in keinem EU-Land stärker zugenommen als in Österreich“, sagte Agenda-Austria-Ökonom Hanno Lorenz. In Schweden sei sie sogar gesunken. „Wir sind nach den Niederlanden auf Platz zwei, was die Teilzeitquote betrifft.“ Insgesamt sei die Teilzeitquote in Österreich mit 31,5 Prozent sehr hoch – der EU-Durchschnitt liege bei 17 Prozent.

Es sei zwar richtig, dass für manche Jobs nur Teilzeitstellen angeboten würden, räumt Lorenz ein. „Es ist aber so, dass über 80 Prozent der ausgeschriebenen Stellen Vollzeitstellen sind.“

Ein Fünftel der Kinderlosen arbeitet in Teilzeit

In Österreich arbeiten 40,9 Prozent der Arbeitnehmer mit Kindern in Teilzeit, aber auch unter Kinderlosen liegt die Teilzeitquote mit 21,1 Prozent vergleichsweise hoch, verweist Lorenz auf Eurostat-Zahlen für die Altersgruppe von 25 bis 49 Jahren.

Ein zentrales Argument in der Diskussion ist die Rolle der Kinderbetreuung. Wenn man wolle, dass Frauen Vollzeit arbeiten, sei es natürlich wichtig, Kinderbetreuungseinrichtungen bereitzuhalten. Es gebe allerdings auch Studien, die zeigten: Selbst dort, wo es die Kinderbetreuung gebe, arbeiteten die Frauen vielfach trotzdem nicht Vollzeit, weil es Präferenzen gebe, die Kinder selbst zu betreuen, oder weil es durch das Steuersystem unattraktiv sei, von Teilzeit auf Vollzeit auszuweiten. Wenn man etwa in Schweden die Arbeitszeit von 20 auf 40 Stunden aufstocke, erhalte man bei einem Durchschnittsgehalt 87 Prozent mehr Nettolohn, in Österreich nur um 69 Prozent mehr.

Unterschiede zwischen Männern und Frauen

Ein Blick auf die Motive zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Während von Frauen die Betreuung von Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen mit 39,3 Prozent als häufigster Grund genannt wird, ist es bei Männern der Wunsch, generell keine Vollzeitstelle anzunehmen (26,8 Prozent).

Teilzeitkräfte pauschal als volkswirtschaftliches Problem zu framen, ist weder sachlich noch gerecht. Wer Teilzeit arbeitet, tut das meist nicht aus ‚Lifestyle-Gründen‘, sondern weil es strukturell kaum anders möglich ist.
GPA-Vorsitzende Barbara Teiber

Besonders im Fokus steht auch die Altersgruppe 50+. Dort geben über 40 Prozent der Teilzeitbeschäftigten an, keine Vollzeitstelle zu suchen – ein Anteil, der mit dem Alter weiter steigt. In der Altersgruppe von 55 bis 59 Jahren liegt dieser Wert bereits bei 45,2 Prozent.

Agenda Austria plädiert angesichts dieser Zahlen für Reformen, um den Anreiz zur Vollzeitbeschäftigung zu erhöhen. Andernfalls, so der Think Tank, drohen langfristig Belastungen für das Pensionssystem und geringere Staatseinnahmen. Auch werde man weniger Wohlstand generieren können, „weil uns die Arbeitskräfte ausgehen“, warnt Lorenz.

Eine Langfrist-Prognose der OECD besage, dass es pro Kopf 2060 ein negatives BIP-Wachstum geben werde, „weil wir es einfach nicht schaffen, die Ressourcen, die wir haben, effizient einzusetzen. Die Menschen arbeiten nicht voll, sie arbeiten nicht produktiv genug und verlassen den Arbeitsmarkt."

Kritik von der Gewerkschaft

Mit deutlicher Kritik reagiert die Gewerkschaft GPA auf die Agenda-Berechnungen. GPA-Vorsitzende Barbara Teiber warnt davor, die gesellschaftliche Debatte über Arbeitszeitverkürzung und Vereinbarkeit auf dem Rücken der Beschäftigten zu führen: „Teilzeitkräfte pauschal als volkswirtschaftliches Problem zu framen, ist weder sachlich noch gerecht. Wer Teilzeit arbeitet, tut das meist nicht aus ‚Lifestyle-Gründen‘, sondern weil es strukturell kaum anders möglich ist. Etwa wegen fehlender Kinderbetreuung oder weil Pflegearbeit in der Familie geleistet wird“, so Teiber.

Viele Teilzeitkräfte arbeiten ihr zufolge deshalb weniger, weil ihnen Kinderbetreuung fehlt, Angehörige zu pflegen sind oder weil gesundheitliche und betriebliche Rahmenbedingungen eine Vollzeitstelle nicht zulassen. Das treffe vor allem Frauen, die vier von fünf Teilzeitkräften ausmachen.

„Wer Teilzeitkräfte pauschal zu höheren Beiträgen verpflichten will, belastet in Wahrheit gezielt Frauen und verschärft damit die bestehende Ungleichheit. Das erhöht den Gender Pay Gap und letztlich auch die Pensionslücke“, betont Teiber.

Frauen leisten laut aktuellen Daten 40 Prozent der bezahlten und 63 Prozent der unbezahlten Arbeit in Österreich. Trotzdem verdienen Teilzeitkräfte pro Stunde im Schnitt um 18 Prozent weniger als Vollzeitbeschäftigte – und das bei identischen Tätigkeiten. „Wer glaubt, es mangle an Anreizen für mehr Arbeit, ignoriert völlig die Lebensrealitäten. Es fehlt nicht an Leistungsbereitschaft, sondern an politischen Rahmenbedingungen“, so Teiber.

Wirtschaftsbund: „Milliardengrab Teilzeit“

Der VP-Wirtschaftsbund sieht in den Zahlen der Agenda Austria unterdessen einen „Weckruf für alle, die es bisher nicht wahrhaben wollten“. Freiwillige Teilzeitarbeit koste Österreich jährlich Milliarden und schwäche langfristig das Pensions- und Sozialsystem. Es gelte, das Arbeitskräftepotenzial in Österreich endlich voll auszuschöpfen. Dazu brauche es dringend Anreize für Mehrarbeit. Gleichzeitig müsse eine flächendeckende, qualitativ hochwertige Kinderbetreuung sichergestellt werden.

IV sieht Handlungsauftrag

Die Industriellenvereinigung (IV) sieht in den aktuellen Berechnungen der Agenda Austria einen deutlichen Handlungsauftrag an die Politik. „Wenn rund 320.000 Menschen in der Lage wären, Vollzeit zu arbeiten, sich aber bewusst dagegen entscheiden, weil es sich finanziell kaum lohnt, ist das ein strukturelles Problem“, betont IV-Generalsekretär Christoph Neumayer. Das österreichische Steuersystem setze derzeit zu geringe Anreize, mehr Arbeitsstunden tatsächlich auch in ein deutlich höheres Nettoeinkommen zu übersetzen. (TT, APA)