Maximal minimal: Eine 85-jährige Tanzlegende trotzt den Moden der Zeit
Die Tanztheater-Ikone Lucinda Childs präsentierte „Four New Works“ bei den Salzburger Festspielen – und stand dabei in einem beeindruckenden Solo selbst auf der Bühne.
Wie in Zeitlupe bewegt sich Lucinda Childs an einem gespannten Seil von links nach rechts über die Bühne. Sie läuft, springt, streckt sich nach einem Ball, duckt sich und fällt – dynamische Bewegungen, die in ihre Einzelschritte zerlegt langsamst ablaufen. Sie arbeitet sich ab an der Zeit, konzentriert, mit eindrucksvoller körperlicher Kraft. Die 85-jährige Ikone des postmodernen Tanztheaters zog am Samstag mit „Four New Works“ das Salzburger Festspielpublikum in ihren Bann.
Es war ein Premierenabend der Lucinda Childs Dance Company, der mit der Ästhetik der Langsamkeit spielte. Mit „Four New Works“ spannt die amerikanische Choreografin und Tänzerin einen Bogen von frühen Arbeiten bis heute.
Eindrucksvolles Solo der 85-jährigen Childs
Das eindrucksvolle Solo der 85-Jährigen ist eine Neuinterpretation ihres Werks „Geranium“ aus dem Jahr 1965. Es stellt ein legendäres Football-Finale zwischen den Cleveland Browns und den Baltimore Colts ins Zentrum, das überraschend für das Team aus Cleveland ausgegangen ist.
Die Multimedia-Arbeit „For Geranium 2024“ des albanischen Medienkünstlers Anri Sala verwendet Auszüge aus der damaligen Radioübertragung, zitiert vor der Projektion einer rohen Betonwand Filmsequenzen aus dem Originalspiel in Schwarz-Weiß und erweitert durch diese wie Erinnerungsfetzen wirkenden Bilder die kraftvolle Performance von Childs, ohne von ihr abzulenken.
Salzburger Festspiele
„Die letzten Tage der Menschheit“: Wenn die Welt brennt, hört das Spiel auf
Staatspreis für Serhij Zhadan
Der Krieg verschlug ihm die Sprache, er schreibt dagegen an
Künstlerischer Zickzackkurs
Das Schauspiel bei den Salzburger Festspielen: Der „Jedermann“– und was sonst?
Sie arbeitet sich in Zeitlupe vorwärts, staunend, kraftvoll, sich drehend und wendend, sich aufspannend und raumgreifend. In den 1960er-Jahren war diese Art des Ausdrucks radikal modern – und ist es bis heute geblieben.
Auch die anderen drei Stücke, in denen die Mitglieder der Lucinda Childs Dance Company tanzen, wirken durch Minimalismus und geometrische Formen. „Actus“ ist ein zartes Duett zu Johann Sebastian Bach. „Timeline“ und „Distant Figure“ sind zwei choreografische Arbeiten für Ensemble zu Musik von Hildur Guonadottir und Philip Glass.
Childs steht für eine choreografische Sprache, die das Vokabular des Tanzes um Bewegungen aus dem Alltag und dem Sport erweitert hat. Es sind Stücke, die durch ihre perfekte Reduktion auf wenige Bewegungsmuster wirken, scheinbar gleich und doch immer wieder anders. Der Minimalismus ist ein Gegenpol zu unseren, von schnellen Wechseln und Überfrachtung geprägten Sehgewohnheiten.
Perfekt getanzt, kaum berührend
Childs erzählt mit ihren Choreografien keine Geschichten, die sich einfach erschließen. Es sind vor allem die minimalistische Ästhetik und die Musik (Anton Batagov am Klavier), die wirken. Alles ist schön anzuschauen, perfekt getanzt – aber es berührt trotz aller Schönheit kaum. Am Ende gab es viel Applaus für die Company und vor allem für die Choreografin. (APA)
Kommentare