Inklusion beim Einkaufen

Ruhiger, dunkler und nicht so schrill: Warum Imst in Geschäften eine Stille Stunde will

Stadtrat Richard Aichwalder mit Mihaela Jahn vom Naturladen Imst: Jahn hat bereits seit sieben Jahren das Konzept der Stillen Stunde dauerhaft umgesetzt.
© Alexander Paschinger

Ab Herbst soll es in Imst das erste Lebensmittelgeschäft mit einer „Stillen Stunde“ geben. Gerichtet ist das Projekt an psychisch Erkrankte, aber auch ältere Menschen. Im Naturladen von Mihalea Jahn herrscht sie schon seit sieben Jahren.

Imst – „Wenn man bewusst durch ein Geschäft geht, dann fällt es einem erst so richtig auf“, sagt der Imster Stadtrat Richard Aichwalder. „Überall klirrt und klappert es.“ Klar, Regale müssen eingeräumt und aufgefüllt werden. Was für den „Normalbürger“ zum geschäftigen Treiben gehört, „kann aber für Menschen mit psychischen Erkrankungen oder auch ältere Personen zu einer Qual werden“, sagt Aichwalder. Deshalb steht er bereits mit Lebensmittelkonzernen im Kontakt und will im Herbst das erste Geschäft mit einer „Stillen Stunde“ anbieten: in ruhiger Umgebung, mit gedimmtem Lichtumfeld, Orientierungsplänen, alle Kassen geöffnet.

Wenn Einkaufen zum Horror wird

Aichwalder selbst ist durch einen TT-Artikel auf die Stille Stunde aufmerksam geworden. „Ich habe es nicht gekannt. Aber ich war schnell überzeugt, dass wir das für Imst und seine fast 12.000 Einwohner auch brauchen.“ Als ein Beispiel nennt er eine ihm bekannte junge Frau mit einer Sozialphobie. „Das ist echt schlimm für sie. Sie kann nicht in ein normales Geschäft einkaufen gehen. Das ist für sie ein Horror“, berichtet er von Gesprächen mit der Frau. Das Angebot einer Stillen Stunde würde sie aber gerne annehmen. „Auch viele ältere Menschen haben mir erzählt, dass sie sich in einem großen Geschäft im Vollbetrieb schwer tun.“

Stille Stunde

Entstanden ist das Konzept der Stillen Stunde im englischsprachigen Raum, besonders in Großbritannien, Australien und Neuseeland. Es richtet sich an einen Kundenkreis mit sensorischen Empfindsamkeiten. Das Konzept umfasst:

Ruhige Umgebung: Geräusche werden reduziert, es gibt keine Durchsagen und Musik, Regale werden in dieser Zeit nicht eingeräumt.

Lichtumfeld: Lichtimpulse und grelles Licht werden reduziert, bei Bedarf werden Sonnenbrillen im Eingangsbereich bereitgestellt.

Orientierungsplan: Es gibt ein Leitsystem, Reiz- und Geräuschquellen werden ebenso ausgewiesen wie Wärme und Kältezonen.

Wartezeit-Verkürzung: Alle Kassen haben geöffnet.

Stresssituationen minimieren: Das Personal übernimmt auch Assistenz und Hilfestellung und sorgt für Verständnis für betroffene Kunden.

Erste Kontakte mit Lebensmittelketten hat Aichwalder bereits geknüpft. Nicht überall stieß er auf offene Türen, sagt er. Allerdings: „Mit einem Geschäft stehe ich noch im August vor einem finalen Gespräch“, hofft er auf einen positiven Abschluss. „Die Stille Stunde wird österreichweit bereits vielfach angeboten. Lediglich im Westen gibt es nur vereinzelte Geschäfte. Ich weiß von einem Pilotprojekt in Innsbruck.“

Mein Wunsch wäre natürlich, dass möglichst alle Lebensmittelketten eine Filiale in Imst für eine Stille Stunde melden.
Richard Aichwalder

„Es geht um Teilhabe“, betont der Stadtrat. Und zwar „für jene, die sonst ausgeschlossen sind“. Aichwalder konzentriert sich nun auf diese eine Filiale, mit der er vor einem Abschluss steht. „Mein Wunsch wäre natürlich, dass möglichst alle Lebensmittelketten eine Filiale in Imst für eine Stille Stunde melden. Dann könnten diese die Tage untereinander abstimmen, damit jeden Tag das Angebot besteht.“ Denn: „Es soll keine Ausnahme sein, sondern Standard werden“, sagt der für Inklusion verantwortliche Stadtpolitiker.

Ein Angebot in Imst gibt es schon

Dass es das Angebot in Imst noch nicht gibt, ist übrigens nicht ganz richtig: Der Naturladen von Mihaela Jahn in der Innenstadt setzt seit sieben Jahren auf dieses Konzept – und zwar durchgängig. „Ich liebe Musik“, sagt Jahn, „aber ich hasse das Gedudel im Geschäft“. Tatsächlich fehlt es in ihrem Geschäft an Hintergrundmusik. „Und wenn jemand die Beleuchtung als zu grell empfindet, dann schalte ich sie aus. Dimmen kann ich das Licht leider nicht“, erzählt Mihaela Jahn. Angenommen wird das Angebot des ruhigen Einkaufens gerne, Besonders in der Weihnachtszeit mit Jingel-Bells-Dauerschleifen – „und ich spare mir sogar die AKM-Abgabe“, lacht Jahn.

Ich liebe Musik, aber ich hasse das dauernde Gedudel im Geschäft.
Mihaela Jahn

Aichwalder lobt jedenfalls die Initiative des Naturladens und hofft nun auf die abschließenden Gespräche mit einer Lebensmittelkette. „Die Stille Stunde rundet für mich jedenfalls unser Bemühen hin zu einem barrierefreien Imst ab“, sagt er.

15 Prozent behinderte Menschen

„Rund 15 Prozent der Tiroler Bevölkerung hat eine sichtbare oder nicht sichtbare Behinderung“, weiß der Imster Günter Knoll. Er ist Schriftführer des Zivilinvalidenverbandes (ÖZIV) für die Bezirke Imst und Landeck. Beim ÖZIV ist die Stille Stunde schon länger Thema von Diskussionen. „Es wäre im Sinne und eine Unterstützung für behinderte Menschen“, ist er überzeugt. Knoll ist froh, dass Imst mit Aichwalder „so einen Sozialstadtrat hat“. Die Stadt steche durch Aichwalders Initiative im Bereich von Inklusion und Soziales „immer wieder hervor“.