„Wir wollen echte Chancen eröffnen“: Wie der Verein Pitanga junge MigrantInnen unterstützt
„Meine Chance“, ein Projekt des Innsbrucker Vereins Pitanga, bereitet junge MigrantInnen auf dem Weg zu einem Schulabschluss oder in die Ausbildung.
Der Verein Pitanga bietet mit dem Projekt „Meine Chance“ jungen Migrantinnen und Migranten eine Möglichkeit, den Einstieg in das Berufsleben zu schaffen. Irina Zimmermann ist eine der Deutschlehrerinnen und stellt das Projekt vor.
Wie würden Sie „Meine Chance“ kurz beschreiben?
Irina Zimmermann: „Meine Chance“ ist ein Coaching-Projekt für Jugendliche und junge Erwachsene. Wir stärken Motivation, Alltags- und Lernkompetenzen und helfen beim Übergang in Ausbildungen. Dazu gehören zum Beispiel die Vorbereitung auf den Pflichtschulabschluss oder Mittelschulabschluss. Manche von unseren Teilnehmerinnen und Teilnehmern unterstützen wir dabei, eine Lehrstelle zu finden. Wir holen junge Menschen dort ab, wo sie stehen und begleiten sie Schritt für Schritt zu ihrem nächsten Ziel. „Meine Chance“ verbindet also Unterricht, Coaching und reale Praxis.
An welche Personen richtet sich das Angebot?
Zimmermann: Die jungen Migrantinnen und Migranten, die zu uns kommen, sind zwischen 15 und 25 Jahre alt. Es sind Geflüchtete, die schon den positiven Asylbescheid ausgestellt bekommen haben, aber auch Jugendliche aus den Drittstaaten, die nach Österreich gekommen sind. Manchmal sind auch unbegleitete Minderjährige dabei, die von bestimmten Betreuungseinrichtungen an uns weitergeleitet werden. Die jungen Menschen haben erst einmal keine Chance, einen Platz in einer Schule zu bekommen, und damit auch keine Chance auf einen Ausbildungsplatz. Das Projekt ist einzigartig, das gibt es momentan nur in Tirol.
Welche Fächer werden unterrichtet?
Zimmermann: Wir unterrichten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht nur im Fach Deutsch, sondern auch in Mathematik und Englisch. Sie sind fünfmal in der Woche bei uns.
Wie ist das Projekt aufgebaut?
Zimmermann: Es zwei Gruppen mit jeweils zehn bis zwölf Personen – eine am Vormittag und eine am Nachmittag. Insgesamt umfasst ein Semester von vier Monaten 180 bis 200 Unterrichtsstunden, also etwa 16 Einheiten pro Woche. Deutsch ist natürlich eher Schwerpunkt. Mathematik wird auch zweimal in der Woche unterrichtet. Der Englisch-Unterricht hat etwas weniger Stunden, weil die meisten auch schon Grundkenntnisse mitbringen.
Welche Voraussetzungen sollen die TeilnehmerInnen mitbringen?
Zimmermann: Wir führen mit den jungen Menschen, die zu uns kommen, Interviews und schauen, auf welchem Niveau sie in Deutsch schon stehen, auch Mathematik und Englisch wird getestet. Dementsprechend werden sie dann auf die Gruppen aufgeteilt, damit alle ungefähr auf einem Level anfangen. Zu „Meine Chance“ kommen also diejenigen, die bereits Basiswissen haben. Der Verein Pitanga bietet auch eine Basisausbildung an. Jetzt im Herbst haben wir zum Beispiel zwei Teilnehmer, die diesen abgeschlossen haben und nun zu „Meine Chance“ wechseln. Sie wollen dann den Pflichtschulabschluss am BFI machen. Beide haben zuvor noch nie eine Schule besucht.
„Meine Chance“ ist aber auch mehr als Sprach- und Matheunterricht.
Zimmermann: Zum Projekt gehört auch die Berufsorientierung. Ein Besuch im Berufszentrum des AMS ist ein Bestandteil. Schon zwei Wochen vor dem Termin bereiten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit uns darauf vor: Welche Fragen sie stellen wollen, welche Berufe für sie interessant sein können. Unser Backoffice organisiert für sie auch Möglichkeiten, in unterschiedlichen Betrieben zu schnuppern.
Gibt es TeilnehmerInnen, an die sie sich besonders erinnern?
Zimmermann: Eine junge Ukrainerin ist zu uns gekommen, weil sie unbedingt einen Beruf in der Kosmetikbranche wollte und dazu noch eine kaufmännische Ausbildung. Aber sie hatte so viel Angst vor Mathematik. Das hat sie nachgeholt. Im Unterricht haben wir auch geübt, wie man Bewerbungen schreibt. Und dann hat sie sich bei einer Drogeriekette beworben – und wurde aufgenommen. Sie ist gesprungen vor lauter Glück. Dann ist da noch ein Mädchen aus Somalia, das in die Pflege einsteigen wollte. Erst wurde sie überall abgelehnt. Auch ihr konnten wir helfen, einen passenden Ausbildungsplatz zu bekommen. Das freut uns natürlich auch sehr.
Was macht die Arbeit bei „Meine Chance“ für Sie besonders?
Zimmermann: Wir als Team wollen jungen Menschen Orientierung schenken, Mut geben und echte Chancen eröffnen. Junge Menschen, die bereit sind, sich selbst auszuprobieren, finden hier einen Raum. Da öffnen sich dann Türen und wir begleiten sie auf diesem Weg. Es ist viel mehr als Deutschunterricht. Wir arbeiten praxisnah, das ist unser Schlüssel.
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