„Theater des Jahres“: Das sind die besten Bühnen im deutschen Sprachraum
47 Kritikerinnen und Kritiker aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben abgestimmt. Auch heimische Theaterschaffende wurden gewürdigt.
Oper? Schauspiel? Spektakel? Schocker? Wirklich festlegen mag man sich im Fall von „Sancta“ nicht. Für Zartbesaitete ist der Abend jedenfalls nichts. Deutschsprachige Theaterkritikerinnen und -kritiker überzeugte Florentina Holzingers lose an Paul Hindemiths Kurzoper „Sancta Susanna“ orientierte, queer-feministische Dekonstruktion katholischer Riten – als gattungsprengendes Gesamtkunstwerk. Mit neun von 47 Stimmen wurde die unter anderem bei den Wiener Festwochen 2024 gezeigte Produktion der österreichischen Choreografin bei der Umfrage des Fachblattes Theater heute zur Inszenierung der vergangenen Saison gewählt.
Kopf des Tages
Florentina Holzingers Wikipedia-Eintrag ziert ein recht rezentes Foto der Choreographin in weißem Leibchen: „In der Oper gewesen. Gekotzt“, steht drauf. Einigen Opernbesuchern ging es bei ihrer Inszenierung „Sancta“ tatsächlich so. Holzinger, geboren 1986 in Wien, versteht es, Grenzen zu überschreiten. Sie inszeniert nicht nur Körper, Raum und Zeit – sondern auch das Wegsehen. Wenn etwa Darsteller:innen auf offener Bühne Hautteile entnommen werden. Das Fachblatt Theater heute hat „Sancta“ nun zur Produktion des Jahres gewählt. Das ist schon deshalb gerechtfertigt, weil Holzinger nie Gefahr läuft, platte Unterhaltung oder hierzulande so beliebte „Events“ zu liefern. Ihre Arbeiten sind konsequent, unbequem, sie stoßen, regen an – und auf. Kurzum: Es geht es um etwas – auch wenn oder gerade weil manche schon etwas früher gehen.
Mehrere Nennungen für „Sancta“
Auf Platz zwei folgt Ulrich Rasches Beckett-Bearbeitung „Warten auf Godot“ am Schauspielhaus Bochum. Auch die Würdigungen für das Bühnenbild des Jahres (Nikola Knežević) und die beste Dramaturgie (Felix Ritter, Fernando Belfiore, Judith Lebiez, Michele Rizzo, Miron Hakenbeck, Philipp Amelungsen, Renée Copraij und Sara Ostertag) ging an „Sancta“.
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Die Bühne des Jahres steht im deutschen Magdeburg, deren dreiköpfiger Schauspieldirektion es gelang, mit Produktionen wie „Blutbuch“ nach dem Roman von Kim de l‘Horizon für überregionales Aufsehen zu sorgen. Den zweiten Rang teilen sich die Berliner Volksbühne und das Staatstheater Wiesbaden.
Die gebürtige Salzburgerin Julia Riedler, die unter anderem in „Fräulein Else“ am Wiener Volkstheater zu erleben ist, wurde zur Schauspielerin des Jahres gewählt. Den Titel Schauspieler des Jahres teilen sich mit je drei Stimmen Thomas Schmauser (Münchner Kammerspiele), Moritz Kienemann (Deutsches Theater) und Andreas Döhler (Berliner Ensemble).
Österreichische Dominanz in den Nachwuchskategorien
Auch in den Nachwuchskategorien geizt die Großkritik nicht mit Lob für österreichische Talente: Kurdwin Ayub („Weiße Witwe“) und Arab Dabiri („Druck!“) wurden an die Spitze der Autor:innen-Kategorie gewählt. Ayub überzeugte mit „Weiße Witwe“ auch in der Sparte Regie. In der Produktion der Berliner Volksbühne – sie gastierte zuletzt Wien – ist auch die Tirolerin Zarah Kofler zu erleben.
Zum Stück des Jahres wurde Dea Lohers „Frau Yamamoto ist noch da“ gewählt. Es wurde am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. Die Abstimmung für das Video des Jahres entschied das Duo DARUM für ihr Performance-Projekt „[EOL] End of Life“ im Wiener brut für sich.
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