Staat und Religion

Gläubige Muslimin in der Türkei legt aus Protest ihr Kopftuch ab

Vor 22 Jahren musste diese Modeschau, in der ein Kopftuch gezeigt wurde, von einem Staatsgebäude noch in ein Hotel verlegt werden.
© Archiv/Reuters

Vor 20 Jahren waren in der Türkei Kopftücher in Behörden noch verboten. Inzwischen sind jene Beamtinnen unter Druck, die keines tragen.

Istanbul – „Ich werfe das Kopftuch der Regierung und dem Religionsamt vor die Füße“ – mit dieser Erklärung legte die türkische Frauenrechtlerin Berrin Sönmez ihr Kopftuch ab. Jahrzehntelang hatte die 64-jährige gläubige Muslimin das Tuch getragen, nun verzichtet sie aus Protest darauf. Auslöser ist eine umstrittene Freitagspredigt der Religionsbehörde Diyanet von Anfang August.

Darin heißt es unter anderem, dass Frauen ihre Reize nicht offen zeigen sollten und das Tragen von Kleidung, die den Körper nicht bedecke oder die Figur betone, verboten sei. Und weiter heißt: „Das Erscheinen in unangemessener Kleidung in der Öffentlichkeit oder an offiziellen Orten ist eine Herausforderung selbst für die einfachsten Anstandsregeln.“ Wer zu diesem „Verfall von Moral und Anstand“ schweige, mache sich mitschuldig.

Sie habe sich immer geschworen, sollte das Kopftuch eines Tages Pflicht werden, werde sie es ablegen, so Sönmez. Jetzt sehe sie diese Gefahr.

Staat und Religion eigentlich getrennt

Die Türkei ist laizistisch –Staat und Religion sind per Verfassung getrennt. Bevor Präsident Recep Tayyip Erdoğan und seine AKP vor mehr als 20 Jahren an die Macht kamen, hatten Frauen mit Kopftuch keinen Zugang zu Unis oder staatlichen Einrichtungen. Erdoğan hob die Verbote auf. Frauenrechtlerinnen wie Sönmez befürchten, dass Erdoğan den Spieß quasi umdrehen will. Viele finden das irritierend, denn Frauen ohne Kopftuch und mit freizügiger Kleidung sind in Teilen der Türkei allgegenwärtig – ein Kopftuchzwang wie im Iran ist kaum vorstellbar.

Die Historikerin fürchtet jedoch, dass der Druck auf Frauen in Behörden, aber auch im privaten Sektor immer weiter steigt. Schon jetzt berichteten ihr Frauen, dass ihnen Karrierechancen verbaut oder sie sogar entlassen wurden, weil sie kein Kopftuch trügen. Dass es sich dabei um Einzelfälle handelt, glaubt sie nicht. Sönmez wirft der Religionsbehörde eine politische Agenda vor. Sie spreche aus, was die Regierung später umsetzen wolle.

Die Diyanet wurde von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk gegründet. Damit sollte der laizistische Staat auch die Kontrolle über den Islam haben. Das Religionsamt untersteht im Präsidialsystem Erdogan direkt. Die Freitagspredigten der Diyanet werden in den rund 90.000 Moscheen des Landes verlesen.

Beim Erbe benachteiligt?

Erst in jüngster Vergangenheit sorgte eine weitere Freitagspredigt für Diskussion, in der suggeriert wird, dass Mädchen im Gegensatz zu Buben beim Erbe benachteiligt werden sollten. Ein Aufschrei war die Folge. Behördenchef Ali Erbas, ein Getreuer Erdoğans, verstoße gegen die Verfassung, in der Frauen und Männer gleichberechtigt sind, schrieb der Verein zur Förderung der Ideen Atatürks (ADD) und klagte.

Das Problem sei die zutiefst orthodox-konservative Auslegung der Diyanet, sagt Sönmez. Zahlreiche Predigten drehten sich alleine darum, wie sich Frauen verhalten sollten. Ähnlich sieht das Mehmet Hayri Kirbasoglu, Theologieprofessor an der Universität Ankara. Das Kernproblem liege über die Türkei hinaus in „jahrhundertealten patriarchalischen Interpretationen“ des Islam. (dpa)