Neue Studie

Minus 0,7 statt minus 6 Grad: CO2-Speicherung weniger wirksam als erhofft

Doch nicht so wirksam, wie von den Befürwortern erhofft? Versuchsanlage für „Carbon Capture and Storage“ (CCS) in Japan.
© imago/Zuma

Fachleute mit Beteiligung aus Österreich haben das Potenzial der oft als Wunderwaffe gegen den Klimawandel gepriesenen Technik zur Speicherung von klimaschädlichem Kohlendioxid untersucht.

Am Verpressen von CO2 unter der Erde – bekannt als „Carbon Capture and Storage“ (CCS) – scheiden sich die Geister. Ein Teil der Fachleute macht sich große Hoffnungen, damit das Problem des weltweiten Temperaturanstiegs bekämpfen zu können. Andere warnen seit Jahren vor zu hohen Erwartungen und Problemen mit der Technologie. Klimaforscher auch aus Österreich legen nun im Fachmagazin „Nature“ eine Neuberechnung des Potenzials von CCS vor: Demnach sollte man sich nicht zu viel erhoffen.

CCS kann nun nicht mehr als unbegrenzte Lösung angesehen werden, um unser Klima wieder in sichere Bereiche zu führen
Joeri Rogelj, Klimaforscher

Joeri Rogelj vom Internationalen Instituts für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg (NÖ), einer der Co-Autoren, bezeichnet die Studie als Wendepunkt in der Einschätzung von CCS: „Es kann nun nicht mehr als unbegrenzte Lösung angesehen werden, um unser Klima wieder in sichere Bereiche zu führen“, wird er in einer Aussendung des IIASA zitiert.

Viele Fragen offen

CCS soll dort zum Einsatz kommen, wo Kohlendioxid nicht zur Gänze eingespart werden kann, etwa in der Zementindustrie. Dabei soll das Treibhausgas entweder direkt aus der Luft entnommen oder am Entstehungsort, etwa einem Kraftwerk, abgeschieden und dauerhaft im Boden gelagert werden. Die Technologie ist jedoch komplex, bisher sehr teuer und verschlingt selbst viel Energie. Große Fragen gibt es überdies dazu, welche geologischen Strukturen dafür geeignet wären, was mit dem Gas tief im Boden geschieht und ob es auch längerfristig dort verbleibt.

In Österreich ist CCS verboten. Befürworter fordern eine Zulassung. Weltweit könnte die flächendeckende Anwendung der Technologie zu einem theoretischen Temperaturrückgang um sechs Grad Celsius führen, lautet eine optimistische Einschätzung.

Eine internationale Forschungsgruppe unter der Leitung von Fachleuten des IIASA ist für die nun veröffentlichte Studie der Frage nachgegangen, welchen Beitrag CCS tatsächlich leisten kann. Sie hat untersucht, wie viele Lagerstätten für Kohlenstoff überhaupt vorhanden sind. Die Wissenschafter konzentrierten sich auf geologische Strukturen, in denen durch das Verpressen vermutlich keine Erdbeben ausgelöst werden, wo Menschen eher nicht zu Schaden kämen, wenn viel CO2 unerwartet wieder entweicht, und wo nicht die Gefahr besteht, dass das Gas Trinkwasser verseucht. Ausgeschlossen hat das Team auch Meeresregionen, die zu tief für CCS liegen.

Potenzial beträgt nur ein Zehntel der bisherigen Annahmen

Ihrer Analyse zufolge können in möglichst sicheren Bereichen an Land oder unter dem Meeresboden weltweit bis zum Jahr 2200 rund 1460 Milliarden Tonnen CO2 mittels CCS eingelagert werden. Dies würde zu einem Rückgang der weltweiten Temperatur um 0,7 Grad Celsius führen, rechnen sie vor.

Dieser Wert liegt in etwa um das Zehnfache niedriger als in früheren Schätzungen, heißt es in der Aussendung des IIASA. In älteren Studien sei oft nicht berücksichtigt worden, ob durch das unterirdische Einlagern Ballungsräume oder Naturschutzgebiete beeinträchtigt werden. Man zeige aber, dass es einen großen Unterschied zwischen dem technisch Machbaren und dem Risiko für Mensch und Umwelt gebe.

Unter Berücksichtigung der Risiken gehe das Potenzial der Carbon-Lagerung vor allem in Ländern wie Indien, Norwegen, Kanada bzw. in den Staaten der EU inklusive Österreich am markantesten zurück. Kohlenstoff-Speicherung in größerem Stil mache dort Sinn, wo es viele stillgelegte Minen gibt. Dies sind etwa die USA, China, Russland, Brasilien oder Australien – Staaten, die historisch gesehen den Klimawandel überproportional befeuert haben und das weiter tun. (APA, TT)