Jim Jarmusch gewinnt den Goldenen Löwen von Venedig
Der US-Regisseur erhielt für seinen Film „Father Mother Sister Brother“ den Hauptpreis des traditionsreichen Filmfestivals. „The Voice of Hind Rajab“ wurde mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet.
Der US-Regisseur Jim Jarmusch ist für „Father Mother Sister Brother“ mit dem Goldenen Löwen des Filmfestivals Venedig ausgezeichnet worden. Der Film über dysfunktionale Familien setzt sich in drei Episoden mit den komplexen Beziehungen zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern auseinander. Unter anderen spielen Cate Blanchett, Tom Waits, Adam Driver, Charlotte Rampling und Vicky Krieps mit.
Jarmusch, inzwischen 72 Jahre alt, setzt in dem Film auf subtile Beobachtungen und wiederkehrende Motive. Gesten, Blicke und Pausen verraten in „Father Mother Sister Brother“ mehr über die Beziehungen der Familienmitglieder, als Worte es könnten. Er thematisiert auch die Sprachlosigkeit, die dabei oft herrscht. Der US-Amerikaner zählt zu den bekanntesten zeitgenössischen Autorenfilmern („Down by Law“, „Night on Earth“, „Only Lovers Left Alive“).
Grand Prix für „The Voice of Hind Rajab“
Im Vorfeld hatte „The Voice of Hind Rajab“ von Kaouther Ben Hania als ein Favorit für den Goldenen Löwen gegolten, nachdem er bei seiner Premiere am Mittwoch mit 23-minütigem Applaus begrüßt worden war.
Der Film erzählt die Geschichte eines fünf Jahre alten palästinensischen Mädchens, das im vergangenen Jahr bei einem israelischen Angriff im Gazastreifen getötet worden war. Viele Festivalbesucher waren während des Films in Tränen ausgebrochen.
Die Ausgezeichneten auf einen Blick
- Goldener Löwe für den besten Film: „Father Mother Sister Brother“ von Jim Jarmusch
- Großer Preis der Jury: „The Voice of Hind Rajab“ von Kaouther Ben Hania
- Silberner Löwe für die beste Regie: Benny Safdie für „The Smashing Machine“
- Spezialpreis der Jury: Gianfranco Rosi für „Sotto le nuvole“
- Preis für das beste Drehbuch: Valérie Donzelli und Gilles Marchand für „À pied d'œuvre“
- Preis für die beste Schauspielerin: Xin Zhilei für ihre Rolle in „The Sun Rises On Us All“ von Cai Shangjun
- Preis für den besten Schauspieler: Toni Servillo für seine Rolle in „La Grazia“ von Paolo Sorrentino
- Marcello-Mastroianni-Preis für den besten Jungdarsteller: Luna Wedler für ihre Rolle in „Silent Friend“ von Ildikó Enyedi
„The Voice of Hind Rajab“ erhielt den Großen Preis der Jury und damit die zweitwichtigste Auszeichnung des Festivals. Die Tunesierin Kaouther Ben Hania schildert darin die letzten Momente im Leben des palästinensischen Mädchens Hind Rajab im Gazastreifen. Es starb im Jänner 2024 bei der Flucht seiner Familie aus der Stadt Gaza. Der Film sowie mehrere unabhängige Untersuchungen legen nahe, dass Hind Rajab und Teile ihrer Familie von israelischen Streitkräften getötet wurden.
Das israelische Militär bestreitet, den Angriff durchgeführt zu haben und teilte mit, es hätten sich zu der Zeit keine Truppen vor Ort befunden.
Der Film, der den Hamas-Terrorangriff auf Israel am 7. Oktober 2023 als Auslöser des Krieges nicht thematisiert, wurde unter anderen von Brad Pitt und Joaquin Phoenix produziert.
Jarmusch trug auf der Bühne einen Anstecker mit der Aufschrift „Enough“, den auch Kaouther Ben Hania an ihrem Kleid befestigt hatte. Der Anstecker bezog sich auf den Gaza-Krieg, Ben Hania sagte dazu in ihrer Rede: „Ich fordere ein Ende dieser unerträglichen Situation. Genug ist genug.“ Jarmusch sagte: „Kunst muss sich nicht direkt mit Politik befassen, um politisch zu sein. Sie kann Empathie und Verbundenheit zwischen uns erzeugen, was tatsächlich der erste Schritt zur Lösung unserer Probleme ist.“
Regiepreis für Benny Safdie
Der Silberne Löwe für die beste Regie ging an den US-Amerikaner Benny Safdie für sein Kampfsport-Drama „The Smashing Machine“ mit Dwayne „The Rock“ Johnson und Emily Blunt.
Der jüdische Regisseur Safdie sagte auf der Bühne: „Empathie ist heute wichtiger denn je. Ich denke, das ist etwas, worum wir uns alle bemühen sollten.“
Weitere Auszeichnungen gingen an: die Chinesin Xin Zhilei für ihre Rolle in „The Sun Rises On Us All“ von Cai Shangjun (beste Schauspielerin), den Italiener Toni Servillo für seine Rolle in „La Grazia“ von Paolo Sorrentino (bester Schauspieler) sowie die Franzosen Valérie Donzelli und Gilles Marchand für das beste Drehbuch mit „À pied d'œuvre“.
Luna Wedler erhält Auszeichnung als beste Jungdarstellerin
Den Spezialpreis der Jury erhielt der Italiener Gianfranco Rosi für seine Neapel-Doku „Sotto le nuvole“. Die Schweizerin Luna Wedler wurde für ihre Rolle in „Silent Friend“ von Ildikó Enyedi mit dem Premio Marcello Mastroianni für die beste Jungdarstellerin ausgezeichnet.
Die Preisverleihung endete mit einer Botschaft des Kardinals Pierbattista Pizzaballa, dem Lateinischen Patriarchen von Jerusalem. „Wir sind so erfüllt von Schmerz, dass für den Schmerz anderer kein Platz zu sein scheint“, sagte er und sprach von einem „Klima immer stärker werdenden Hasses zwischen der jüdischen und der palästinensischen Bevölkerung“.
Die 82. Filmfestspiele Venedig, die am 27. August begonnen hatten, zählen neben den Filmfestspielen in Cannes zu den bedeutendsten der Welt. Im diesjährigen Wettbewerb hatten 21 Werke um die Hauptpreise konkurriert.
Die Auszeichnungen wurden von einer internationalen Jury verliehen. Vorsitzender war der US-amerikanische Regisseur Alexander Payne. (TT, dpa, sda, APA)
Die Spannung steigt
Filmfestspiele von Venedig: Das sind die Favoriten auf den Goldenen Löwen
Filmfestspiele von Venedig
Kommentare