Mit Gaismair im Escape-Room: Wie der Bauernführer den Weg in Tirols Schulen findet
Vom aktuellen Gedenkjahr „500 Jahre Tiroler Bauernaufstand“ ist nach wie vor wenig zu bemerken. Den Tiroler Schulen stehen nun aber vielfältige neue Lernmaterialien rund um Michael Gaismair & Co. zur Verfügung, online bereitgestellt vom Tiroler Bildungsinstitut – Medienzentrum. Ein Überblick über die teils ungewöhnlichen Ansätze.
Innsbruck – Der kritische Befund bleibt: Rund um das heurige Gedenkjahr „500 Jahre Tiroler Bauernaufstand“ und dessen weitaus bekanntesten Protagonisten Michael Gaismair (1490–1532) war und ist es in (Nord-)Tirol, verglichen mit Andreas-Hofer- oder Kaiser-Maximilian-Jubiläen, auffallend ruhig.
Markantester Programmpunkt seitens des offiziellen Tirol war bislang ein Symposion am Tiroler Bildungsinstitut Grillhof im März („Michael Gaismair und der Tiroler Bauernkrieg“). Auch das laufende Euregio-Museumsjahr nimmt den Sozialreformer und Bauernführer zumindest als gedanklichen Ausgangspunkt – wobei ein Großteil der Ausstellungen und Veranstaltungen sich auf Südtirol konzentriert.
Was die Auseinandersetzung mit Michael Gaismair und seiner Zeit im Schulunterricht angeht – samt brisanten Fragestellungen, die sich auch heute daran anknüpfen lassen –, ist in Tirol aber doch einiges in Bewegung gekommen: Das Tiroler Bildungsinstitut – Medienzentrum hat für Tirols Schulen vielfältige interaktive Arbeitsmaterialen zu Gaismair und der Geschichte der Bauernkriege erstellt, die online verfügbar sind – und zu einer durchaus kritischen und zeitgemäßen Auseinandersetzung einladen sollen. Veronika Lercher, Fachbereichsleitung Medienzentrum Tirol, hat der TT einen Überblick gegeben.
Viele Perspektiven auf eine „unbequeme Persönlichkeit“
Ausgangspunkt ist der Dokumentarfilm „Michael Gaismair – Mehr als ein Rebell“ von Regisseur Wolfgang Moser, der für das Portal LEON („Lernen Online“) lizenziert wurde – ein Projekt des Medienzentrums Tirol zur Bereitstellung von Unterrichtsmedien über das Internet. Rundherum haben MedienpädagogInnen ein interaktives „Themenpaket“ erstellt, das unterschiedliche Schulstufen ansprechen soll.
Die Palette reicht – neben umfangreichen Infomaterialien – vom Ausmalbild für Volkschulkinder über Quizzes, Kreuzworträtsel und Lückentexte bis hin zu Rechercheaufgaben oder Materialien für Rollenspiele. Sogar ein kleiner digitaler Escape-Room zu Gaismair („Flucht in die Freiheit – das geheime Vermächtnis des Michael Gaismair“) wurde programmiert, mit dem Wissen um den Bauernrebellen und seine Zeitumstände auf spielerische und humorvolle Weise erarbeitet werden soll.
Zuletzt konnte auch der Tiroler Historiker Robert Rebitsch, Autor einer neuen, aufwendig recherchierten Monographie („Rebellion 1525. Michael Gaismair und der Aufstand der Tiroler Bauern“), für ein Interview gewonnen werden, das in Kürze ebenfalls über LEON abrufbar sein wird.
Neben den Zeit- und Lebensumständen der Bauern im 16. Jahrhundert oder der Frage, wie und warum Gaismair in die Rolle des Anführers schlüpfte, können so laut Lercher auch heutige gesellschaftspolitische Diskussionen und sich verändernde Geschichtsbilder zur Diskussion gestellt werden. Oder die Frage, was eine „unbequeme“ Persönlichkeit, wie es Gaismair zweifellos war, (heute) ausmacht.
Aktuelle gesellschaftspolitische Fragen
Die radikalen gesellschaftlichen Umbrüche des 16. Jahrhunderts, die Rolle der Habsburger und der katholischen Kirche, die Art und Weise, wie Gaismair die Vormachtstellung von Kirche und Adel in Frage stellte, sein Entwurf einer neuen, egalitär-christlich-demokratischen Tiroler Landesordnung: Daran dürfte sich im Unterricht vielfältig anknüpfen lassen, bis hin zu Gaismairs Nachwirkung und politischer Vereinnahmung von verschiedenen Seiten. Themen wie soziale (Un-)Gerechtigkeit oder die Verteilung von politischer Macht und Wohlstand scheinen aktueller denn je.
„Auch ganze Wochenaufgaben lassen sich mit dem Material gestalten“, meint Lercher. „Oder es könnten bei den Innsbruck-Tagen der Schulen Gaismair und Andreas Hofer gegenübergestellt werden“ – jenseits der lange vorherrschenden Glorifizierung von Hofer in Tirol.
Für LehrerInnen sind die Materialien über das Medienportal LEON einfach zugänglich und können dann auch für die SchülerInnen freigegeben werden. Dazu muss die jeweilige Bildungseinrichtung als LEON-Schule registriert sein (siehe Infobox). „Wie die LehrerInnen das Material dann verwenden, können wir natürlich nicht beeinflussen“, sagt Lercher, „wir können nur Werkzeug und breitestmögliche Strukturen anbieten“.
LEON (Lernen Online) – das Medienportal des Landes
- Das Portal LEON (Lernen Online) des Medienzentrums Tirol stellt Tirols Schulen Unterrichtsmedien verschiedenster Art online bereit. Inzwischen bietet es laut Bereichsleiterin Veronika Lercher rund 103.000 verschiedene Medien, zusammengefasst in 3800 Themenpaketen.
- Schulen, die LEON einsetzen möchten, schließen dazu mit dem Medienzentrum eine Vereinbarung ab. Für Schulen fällt eine Gebühr von 2,70 Euro pro SchülerIn und Schuljahr an, wobei die Gebühren für größere Schulen gedeckelt werden.
- Von rund 620 Schulen in Tirol sind laut Lercher rund 530 als LEON-Schulen registriert. Eine Reihe von Arbeitsmaterialien sind auch komplett frei, also ohne Registrierung, nützbar. Das Medienzentrum Tirol versorgt, als einziges in Österreich, auch die Bundesschulen im Bundesland mit. LEON verzeichnet nach Angaben des Landes rund 4500 Zugriffe täglich.
- Das Tiroler Bildungsinstitut (TBI) ist eine Einrichtung des Landes Tirol und gliedert sich in die Bereiche Medienzentrum und Grillhof (Bildungseinrichtung in Vill).
Tiroler Medienplattform LEON: Tausende „Themenpakete“
Die Medienplattform LEON versammelt laut Lercher digitale Unterrichtsmaterialien zu mittlerweile rund 3800 Themenpaketen – darunter Videos, Arbeitsblätter und interaktive Übungen, Bilder, Grafiken und Landkarten. Eines dieser Themenpakete ist nun eben Michael Gaismair und den Bauernaufständen gewidmet.
Das Angebot reicht von denkbar niederschwelligen, in einfacher Sprache verfassten Materialien wie „10 Baderegeln“ für sicheres Schwimmen bis hin zu großen Themenpakete wie jenen zu den „Gemeinden Tirols“: Diese umfassen neben Eckdaten zu jeweiligen Gemeinde, ihrer geographischer Lage oder den Gemeindewappen auch Arbeitsmaterialien, Übungen, Quizzes sowie – bereits für die meisten Bezirke –zahlreiche Fotografien zu den Gemeinden. Diese werden der Bilddatenbank des Medienzentrums über die Gruppe „Projektraum Foto“ zur Verfügung gestellt.
Landeslizenzen für Medien verschiedenster Art stehen dabei neben Eigenproduktionen wie etwa „Innsbruck entdecken – Unsere Landeshauptstadt“: Diese lädt dazu ein, Innsbruck und seine Geschichte auf humorvolle und kindgerechte Weise kennenzulernen, mit der neugierigen Jochdohle „Jochie", einer frechen Stadtmaus und der allwissenden Höttinger Brekzie „Brecky".
Michael Gaismair und seine Zeit
Eine fast vergessene Rebellion – 500 Jahre Bauernaufstand in Tirol
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