Indien: Land der Kontraste

Vom Trubel Delhis zu den Ufern des Ganges

Wer früh beim Balkumari-Mata-Tempel ankommt, erlebt eine besondere Stille, während die Sonne langsam über den Bergen aufgeht.
© Natalie Hagleitner

Wer nach Indien reist, begegnet einer Welt voller Kontraste: Zwischen Yogaunterricht, Gewürzmärkten und Ritualen am heiligen Fluss.

Ich bin süchtig nach der Ferne. Nicht im romantischen Sinn, sondern ganz konkret: Ich brauche das Gefühl, an einem fremden Ort zu stehen – neue Sprachen, ungewohnte Klänge, eine Welt, die so gar nicht meiner eigenen gleicht. Reisen ist für mich ein Ausbrechen aus dem Alltag – bei dem das Grübeln über das eigene Leben verstummt, weil draußen zu viel passiert, um es zu ignorieren. Stattdessen bin ich plötzlich vollkommen im Moment.

Auf 1300 Meter Höhe bietet sich beim Balkumari-­Mata-Tempel ein weiter Blick über die grüne Berglandschaft.
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Um in diesen fast meditativen Zustand zu kommen, reicht ein Kurztrip in den europäischen Süden nicht. Dort ist mir alles zu vertraut, zu nah an meinem Alltag. Anfang des Jahres dachte ich an Indien und an meine erste Rucksackreise dorthin mit 21. Seitdem habe ich viele andere Länder gesehen, doch Indien blieb für mich immer etwas Besonderes. Noch am selben Abend begann ich zu recherchieren. Dieses Mal wollte ich tiefer in die indische Kultur eintauchen. Kurz darauf buchte ich einen Flug nach Delhi und eine 200-Stunden-Yogalehrerausbildung in Rishikesh bei der Nirvana Yoga School.

In den Straßen von Rishikesh trifft man oft auf Lan­guren, die im Gegensatz zu den frechen Rhesusaffen erstaunlich gelassen sind.
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Indien fasziniert durch seine Gegensätze: die Vielfalt des Hinduismus, das Nebeneinander unzähliger Traditionen, die Gewürze und imposante Architektur, oft in Form von Ruinen. Überall stößt man auf Spuren der Mogularchitektur, mit ihren Kuppeln, Minaretten und filigranen Ornamenten, ebenso wie auf Relikte der britischen Kolonialzeit. Viele Häuser sind überwachsen, ganze Straßenzüge wirken wie aus der Zeit gefallen.

Bei der Abschlussfeier des Yogakurses trägt man Weiß.
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Die Wucht der Millionenstadt

Als ich im August in Delhi landete, traf mich die Stadt wie ein Schlag – ein Wiedersehen mit all dem, was Indien für mich bedeutet: ein überwältigendes Durcheinander aus Nostalgie, Geräuschen und Gerüchen. In Indien passiert alles gleichzeitig – und immer ein bisschen mehr, als man erwartet. Oft hört man, Delhi sei „zu viel“ und man solle es besser auslassen. Ich sehe das völlig anders. Delhi hat unglaublich viel zu bieten. Ich verbrachte vier Tage dort und hätte pro­blemlos noch länger bleiben können. Mein Tipp: Die Tage gut strukturieren, um zwischendurch Luft holen zu können. Delhi ist gewaltig, aber die Stadt bietet auch Oasen der Ruhe. Besonders lohnend sind Humayun’s Tomb, das erste große Bauwerk Indiens aus rotem Sandstein und Unesco-Welterbe, oder die Lodhi Gardens – ein Park voller alter Grabmäler und Brücken. Wer mehr Zeit hat, sollte den Swaminarayan-Akshardham-­Tempel einplanen, eine gigantische Anlage aus rosafarbenem Sandstein und weißem Marmor, geschmückt mit unzähligen Skulpturen, die Szenen aus Hindu-Mythologie und indischer Volksgeschichte darstellen.

Jama-Masjid-Moschee in Old Delhi: ein Stück Mogulgeschichte mitten im Trubel der Altstadt. Hier verbinden sich jahrhundertealte Architektur und die Geräuschkulisse der heutigen Metropole.
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Ganz anders präsentiert sich Old Delhi. Hektisch, laut, überfüllt – aber absolut sehenswert. Die Gassen von Asiens größtem Gewürzmarkt haben etwas Filmisches: Überall hängen Stromkabel, Motorräder schlängeln sich durch engste Seitenstraßen, Händler reihen sich Stand an Stand. Hier wurde ich von einem Rikschafahrer angesprochen. Er heiße Akbar, ob ich nicht eine Tour mit ihm machen wolle? Zunächst lehnte ich ab, doch Akbar ließ nicht locker. Er konnte weder lesen noch schreiben, wie er mir später erzählte, organisierte aber ganze Touren bis nach Jaipur. Er wirkte ehrlich und so willigte ich schließlich ein. Gute Entscheidung: Akbar kannte jede noch so versteckte Seitenstraße, führte mich auf die Dächer kleiner Wohnhäuser, in Hinterhöfe, wo Chilis und Nüsse sortiert wurden, und in winzige Nachbarschaftstempel, die ich alleine nie gefunden hätte.

Am Fuß des Himalaya

Von Delhi ging es für mich mit dem Bus rund sechs Stunden nach Rishikesh. Die meiste Zeit verbrachte ich in der Yogaschule – beim schweißtreibenden Ashtanga, einem dynamischen Yogastil mit festen Abfolgen. Juli und August sind wegen Monsun und Hitze wenig empfehlenswert, besser reist man von Oktober bis März. Neben der Praxis standen Anatomie, Philosophie und morgendliches Mantrasingen um fünf Uhr auf dem Programm. Rishikesh liegt am Fuße des Himalaya, wo der Ganges aus den Bergen ins Flachland strömt. Die Stadt ist seit Jahrzehnten ein Hotspot für Yoga und Spiritualität und wurde weltbekannt, als die Beatles Ende der 1960er-Jahre mehrere Wochen in einem Ashram verbrachten, um zu meditieren. Zwar ist das Beatles-Ashram heute nur noch eine Ruine, doch es gilt mittlerweile als eigene Attraktion in Rishikesh.

Unterwegs trifft man oft auf neugierige Blicke und spontanes Interesse.
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Der Yogatourismus prägt ­Rishikesh bis heute. Überall werden so genannte Yogaklassen angeboten, dazu Workshops zu Meditation, Ayurveda oder Soundhealing. Auch ayurvedische Massagen gehören zum typischen Programm. Zudem ist die Stadt von üppig grünen Bergen umgeben. Besonders lohnend ist eine Wanderung zum „Secret Waterfall“, erreichbar über einen Schotterweg durch den Dschungel. Unterwegs trifft man häufig auf große Gruppen Languren, die – im Gegensatz zu den frechen Rhesusaffen – ein sehr sanftes Gemüt haben. Für einen spektakulären Sonnenaufgang empfiehlt sich außerdem ein Ausflug zum etwa 25 Kilometer entfernten Balkumari-Mata-Tempel.

Kühe, Affen und grüne Hügel gehören in Tapovan zum Alltag.
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Ein Muss ist ein Bummel durch Tapovan, das touristische Viertel von Rishikesh. Von dort gelangt man zu Fuß hinunter zum Ganges, wo kleine Läden Parfumöle wie Sandelholz, ­Patchouli oder Amber, Gewürze, Baumwoll- und Seidenkleidung sowie Silber- und Goldschmuck verkaufen. Rund zehn Minuten mit der Rikscha entfernt liegt die Ram-Jhula-Brücke, wo man weitere Shops findet sowie zahlreiche Cafés mit Blick auf Fluss und Berge.

Ein Höhepunkt ist hier das abendliche Aarti am Ganges – eine hinduistische Zeremonie mit Gesängen und Musik, die jeden Sonntag stattfindet. Im Devi Music Ashram in Tapovan gibt es außerdem mehrmals wöchentlich Konzerte mit traditioneller Musik – Gesang, Flöten, Trommeln und Sitar sorgen für eine magische Atmosphäre.

Alte Häuser mit verwitterten Fassaden erzählen vom früheren Glanz der heiligen Stadt Haridwar, während auf den Straßen der Alltag pulsiert.
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Wer das touristische Rishikesh für einen Tag hinter sich lassen möchte, sollte einen Ausflug nach Haridwar machen. Die Stadt am Ganges gilt wie Rishikesh als heilig und ist weniger auf internationalen Tourismus ausgerichtet, was sie authentisch, aber auch intensiver macht. Ich habe dort den ganzen Tag keinen anderen ausländischen Reisenden gesehen. In Haridwar kann man die Menschen beim rituellen Bad im Ganges beobachten. Danach lohnt sich eine Gondelfahrt zum Mansa-Devi-Tempel mit Blick über Stadt und Fluss.

Zwischen Märkten, Straßenhändlern und Tempeln erlebt man in Haridwar, wie eng Religion und tägliches Leben miteinander verbunden sind.
© Natalie Hagleitner