Vom Baum ins Bett
Heute reißen uns Wecker aus dem Schlaf. Durchaus lästig. Doch einst waren es Wildtiere oder das Erlöschen des wärmenden Feuers. Schlafforscherin Birgit Högl hat die Hintergründe des Schlafs ergründet.
Wenn die Augenlider morgens auf Halbmast stehen und man im Rhythmus des Radio-Geträllers gähnt, ist es durchaus angebracht, sich über seine unbequeme Matratze aufzuregen. Allerdings nur, wenn man die nicht mit den Schlafgewohnheiten der Vergangenheit vergleicht. Kletterte der Homo erectus doch nachts auf Bäume. Man stelle sich nur diese Rückenschmerzen am Morgen vor. Sein Nachfolger, der Homo sapiens, begann vor 300.000 Jahren, am Boden zu schlafen – von Feuer spärlich beschützt vor Wildtieren. Und selbst der Fortschritt prähistorischer Schlafstätten, in deren Nachtmatten aus Schilf insektenabwehrende Blätter eingewebt waren, dürfte keinen Neid wecken.
Die richtige Therapie im Traum erkennen
In der griechischen Antike wiederum kann man Gott Hypnos sogar ansehen, dass Schlaf ebenso erquickend wie zermarternd wirkt. „Der Gott des Schlafes hatte verschiedene Gesichter. Mal wird er als hübscher Jüngling, mal als erschöpfter Greis beschrieben“, schildert Birgit Högl. Die Leiterin des Schlaflabors der Universitätsklinik Innsbruck befasste sich für ihr Buch „Besser schlafen“ mit verschiedenen Aspekten der Nachtruhe: „Schlaf hatte in der Antike neben der spirituellen Bedeutung auch eine medizinische. Ärzte schickten Kranke nachts in einen Tempel.“ Das Träumen dort sollte Hinweise hinsichtlich passender Therapie geben.
Unebene Holzpritschen für Legionäre
Welche Bedeutung die Römer Schlaf zusprachen, erkennt man an der Zahl ihrer Betten. „Manche besaßen drei: das Nachtbett, wie wir es kennen, das Tagbett und sozial Höhergestellte hatten zudem ein Tragbett“, weiß die Neurologin. Darauf konnte man an beliebigen Orten, wie im Schatten eines Baumes, ruhen. Die Römer schätzten Schlaf nicht nur, sie wussten ihn strategisch zu nutzen. Bekamen Legionäre doch unbequeme Betten, auf denen man sich weder ausstrecken konnte noch flach lag, um rege zu sein, sollte sich der Feind nähern.
Damit nicht genug der nächtlichen Hiobsbotschaften: Im Mittelalter waren Beruhigungsmittel in Adelshäusern gefragt, während das Volk zu pflanzlichen Mitteln griff, die nicht selten giftig oder gar tödlich wirkten.
Wie Schlaf in der Gesellschaft bewertet wird, unterliegt kulturellen Einflüssen und Veränderungen über die Zeit: „Nach wie vor werben einige Metropolen damit, ‚niemals zu schlafen‘. Auch in manchen Kreisen wird geprahlt, dass man keine Zeit zum Schlafen habe, weil man so viel arbeite oder soziale Aktivitäten habe.“
Ein neues Konzept der Schlafgesundheit berücksichtigt laut der Professorin folglich nicht nur die objektiv geschlafene Zeit, sondern auch andere Aspekte: „Zum Beispiel die subjektive Zufriedenheit mit dem Schlaf, die Wachheit tagsüber oder ob man meistens dann schlafen kann, wenn es für tagaktive Spezies wie Menschen am wichtigsten ist – von zwei bis vier Uhr morgens.“
Buchtipp
In ihrem Buch „Besser schlafen“ (Brandstätter Verlag) beschreibt die international renommierte Schlafforscherin Birgit Högl unter anderem, warum Schlaf der wichtigste Faktor für ein langes, gesundes Leben ist und Demenz vorzubeugen kann.
Eine nächtliche Schlafpause zum Beten
Kein Wunder, dass sich langsam ein neuer Schlaf-Trend etabliert: „Zu zeigen, dass man ausreichend Zeit für Schlaf und Muße hat – als neuer Lifestyle und Ausdruck von Luxus.“ Der Körper dürfte für diese Entwicklung dankbar sein: „Eine rezente Publikation der ,Global Sleep Health Task Force der World Sleep Society‘ im Journal Lancet Public Health, an der wir beteiligt waren, zeigte, dass in den US-Bundesstaaten mit der kürzesten Schlafdauer die größte Prävalenz von körperlich wie psychisch schlechter Gesundheit, erhöhtem Schlaganfallrisiko, Übergewicht und hohem Blutdruck vorhanden war.“
Unter solchen schlafbedingten Krankheiten dürften schon unsere Vorfahren gelitten haben. Allerdings lagen die oft wach, weil sie ihr Bett mit Verwandten und Bediensteten teilen mussten oder von Wanzen gezwickt wurden. So gesehen ist es vielleicht besser, wegen Verkehrslärm wach zu liegen ...