Bauenden Frauen ist atmosphärische Architektur wichtig

Zur Adoption freigegebene Kinder

Ein neues Stück Stadt: Das von Silvia Boday geplante Quartier am Schwazer Raiffeisenplatz.
© Lukas Schaller

Denken bzw. planen Frauen Architektur anders? Eine Frage, die sich nicht eindeutig beantworten lässt.

Von Edith Schlocker

Wenn dieser Tage wieder die Universitäten ihre Tore öffnen, werden es mehr als die Hälfte junge Frauen sein, die die Hörsäle füllen. Auch an den Architekturfakultäten. Den Sprung Jahre später in die berufliche Selbstständigkeit wagen allerdings nur wenige, was sich nicht zuletzt darin zeigt, dass nur sieben Prozent der Mitglieder der Kammer für Ziviltechniker:innen Arch+Ing/Tirol und Vorarlberg weiblich sind. Was deren Ausschussvorsitzende Ursula Homma sehr bedauert und findet, dass die Zeit für „eine Frau an der Spitze der Kammer reif“ sei. Sie selbst habe eine Nische im Architekturgetriebe gefunden, sagt die seit einigen Jahren ihr eigenes kleines Architekturbüro betreibende Mutter von zwei Söhnen. Um am eigenen Leib zu erfahren, wie schwierig es angesichts der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen noch immer ist, Familie und Beruf in Einklang zu bringen. Mit der Konsequenz, dass man als Frau eigentlich auf Kinder verzichten müsste, um mit den von ihren Partnerinnen noch immer weitgehend von Carearbeit freigespielten männlichen Kollegen konkurrieren zu können.

Pragmatischer Zugang

Ursula Homma glaubt, dass Architektinnen grundlegend anders als Männer Architektur denken und machen. Sie vielleicht pragmatischer an Bauaufgaben herangehen, letztlich analytischer, weniger fokussiert auf das große Schöne. Die Teilnahme an Wettbewerben könne man sich als am Küchentisch arbeitende Architektin allerdings kaum leisten, Selbstausbeutung sei ohnehin selbstverständlich, so Homma. Die allerdings fest daran glaubt, dass sich Architektinnen mehr und mehr durchsetzen.

Dieselben Regeln für alle

Zwei, die das schon längst getan haben, sind die Innsbrucker Baukünstlerinnen Barbara Poberschnig (STUDIO LOIS) und Silvia Boday. Dass Frauen nicht zuletzt deshalb, weil sie grundsätzlich anders ticken, vieles im Zusammenhang mit dem Planen von Architektur besser machen, sind beide überzeugt. Wobei sie grundsätzlich dieselbe Arbeit wie Männer machen, dieselben Regeln befolgen, dieselben Bedingungen erfüllen müssen. Dass bauenden Frauen das Atmosphärische von Architekturen sehr wichtig sei, glaubt Boday, sie auf das Emotionale zu reduzieren, lehnt die Planerin so großer Projekte wie der Wohnanlage der Neuen Heimat im Pradler Saggen oder des Raika-Quartiers in Schwaz allerdings ab. Poberschnig, die u. a. für ihre Verwandlung des Klösterle Imst in ein modernes Pflegezentrum oder den Umbau der Schulen der Barmherzigen Schwestern in Innsbruck schon zahlreiche Preise abgeräumt hat – u. a. erst diese Woche den ersten Euregio-Baukulturpreis – vergleicht ihre Bauwerke mit Kindern, die man liebe, um sie letztlich zur Adoption freizugeben.

Individuelle Architektursprachen

Dass Frauen Architektur prinzipiell nicht anders als ihre männlichen Kollegen denken, ist Betina Hanel überzeugt, die gemeinsam mit ihrem Architektenkollegen Gerhard Manzl das kürzlich eröffnete Gästehaus GreenIN an der Innsbrucker Südbahnstraße geplant hat. Als markanter, in Holz gehüllter Siebengeschoßer, mit dem das kreative Duo einen EU-weit offenen Architekturwettbewerb gewonnen hat. Dass es Hanel atmosphärisch aber auch ganz anders kann, zeigt die gemeinsam mit Manfred Sandner wunderbar verwandelte Innsbruck-Information.

Eine nüchtern-klare Architektursprache ist wiederum das Ding von Sabine Raich-Tratz, wie ihr Zirler „Salzbau“ beweist. Formal so ganz anders als die von Brigitte Eckelt als großes bewohnbares Möbel angelegte Kinderkrippe „Wabini“ im neuen Innsbrucker RAIQA.

Studentisches Wohnen in dem von Betina Hanel und Gerhard Manzl geplanten Siebengeschoßer.

© Nikolaus Schletterer

Brigitte Eckelt hat die Kinderkrippe Wabini im  RAIQA-Quartier  als intime Höhle angelegt.

© Brigitte Eckelt

Eine klare Architektursprache dominiert den von Sabine Raich-Tratz geplanten „Salzbau“ in Zirl.

© Franz Oss