Neue Perspektive auf einen Mörder: ORF rollt „Die Unterweger Story“ neu auf
Mindestens neun Frauen hat Jack Unterweger umgebracht – und die Republik als vermeintlich geläuterter Häfenpoet genarrt. Der Dreiteiler „Vienna Killing“ will seine Geschichte aus weiblichem Blickwinkel erzählen.
Wien – Manche Geschichten wirken wie Mahnungen, die eine Gesellschaft sich selbst erzählt. Die von Jack Unterweger ist eine davon: ein Mann, den Österreich zum Dichter verklärt, während er mordete. Der ORF blickt nun in der dreiteiligen True-Crime-Doku „Vienna Killing: Die Unterweger Story“ auf den Fall – radikal neu, aus weiblicher Sicht. Zu sehen ist der Dreiteiler am Donnerstag, 16. Oktober, in ORF 1, vorab ab 15. Oktober auf ORF ON.
Ein Mörder mit Charme
Jack Unterweger war kein literarisches Wunderkind, sondern ein Serienmörder. In den 1970er-Jahren wurde er wegen des Mordes an einer jungen Frau zu lebenslanger Haft verurteilt – die Tat war grausam, das Opfer mit seinem eigenen Kleidungsstück erdrosselt. Im Gefängnis begann er zu schreiben, veröffentlichte Gedichte, Hörspiele und einen autobiografischen Roman. Der „Häfenpoet“ wurde zum Symbol „geglückter Resozialisierung“, verehrt von der Kulturszene, gefeiert von Feuilletons.
TV- und Streamingpremiere
„Vienna Killing: Die Unterweger Story“. Ab 15. Oktober auf ORF ON. Ab 16. Oktober um 20.15 Uhr in ORF 1.
Doch nach seiner Entlassung 1990 begann er erneut zu töten – in Wien, Prag und Los Angeles. Fast alle Opfer waren Sexarbeiterinnen, die er auf ähnliche Weise ermordete: durch Strangulation, mit Unterwäsche oder Seilen. Parallel dazu arbeitete Unterweger als Reporter, schrieb über Gewalt gegen Frauen, führte Interviews mit Polizisten – und führte die Gesellschaft damit an der Nase herum.
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Tod in der Zelle
1992 wurde Unterweger in Miami verhaftet und nach Österreich ausgeliefert. Zwei Jahre später endete die öffentliche Inszenierung in einem der aufsehenerregendsten Prozesse des Landes. Am 28. Juni 1994 verurteilte ihn das Grazer Landesgericht wegen neunfachen Mordes zu lebenslanger Haft. Noch in der Nacht nach dem Urteil erhängte sich Unterweger in seiner Zelle – mit denselben Knoten, die er bei seinen Opfern verwendet hatte.
Die Stimmen der anderen
Regisseurin Kirsten Brandt richtet den Blick nun auf die Frauen, die bis heute mit den Folgen leben. Im Zentrum steht Bianca Mrak, Unterwegers damalige Verlobte, die als 18-Jährige mit ihm in die USA floh – und erst dort begriff, wem sie vertraut hatte.
„Vienna Killing“ rekonstruiert ihre Geschichte und die jener Frauen, die nie zurückkehrten. Archivaufnahmen, heimlich mitgeschnittene Telefonate und neue Interviews zeichnen ein Bild von Verführung, Kontrolle und Gewalt.
So soll aus der Doku kein weiteres Kapitel im Mythos Unterweger werden, sondern dessen Gegenentwurf – eine späte, notwendige Korrektur eines Landes, das einst einem Mörder applaudierte. (APA, TT)
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