Heraus aus der Tabu-Zone
Die Tiroler Versicherung startet zum zweiten Mal die Initiative FrauTIROLER, um Bewusstsein für Gewalt und gesellschaftlichen Wandel zu schaffen. Vorstandsdirektorin Isolde Stieg erläutert die Beweggründe.
Warum engagiert sich die TIROLER, wenn es darum geht, Initiativen gegen Gewalt zu fördern? Wie ist es dazu gekommen?
Im Zuge unseres 200-Jahr-Jubiläums widmeten wir uns im Sinne unserer Gründer einer Aktion, die mutig einen gesellschaftlichen Missstand aufzeigt. Die Betroffene genauso unterstützt wie jene, die für eine Verbesserung der Situation kämpfen. Vor 200 Jahren waren das die existenzzerstörenden Brände. Durch die Gründung der TIROLER als Verein war Versicherungsschutz für alle leistbar und Betroffene waren nicht mehr zum Betteln verurteilt.
Und dieser Solidaritätsgedanke war Auslöser für FrauTIROLER?
Ja, damit haben wir schon 2021 etwas aufgegriffen, das in der Gesellschaft auf beschämende Art und Weise fast ein Tabu-Thema ist. In unserer Gesellschaft verschließen wir die Augen vor dem Thema Gewalt. Natürlich ist man entsetzt über Femizide und Übergriffe auf Frauen und Kinder. Aber Gewalt beginnt viel früher und wer kritisch hinhört, registriert leider ein erhebliches Maß an „Verständnis“ für alltägliche Gewalt in unserer Gesellschaft.
FrauTIROLER findet nun zum zweiten Mal statt. Warum die Neu-Auflage, was hat Sie dazu bewegt?
2021 haben wir die Herausforderung erkannt und gesehen, dass unsere Mittel hier große und kleine Dinge in Bewegung bringen können. Unsere Begeisterung ist mit jedem eingereichten Projekt gewachsen – ebenso wie unsere Betroffenheit. Weil wir gesehen haben, dass die Missstände eine Dimension haben, die wir niemals erwartet hätten. Für uns war schon bald klar, dass wir diese Aktion auf jeden Fall wiederholen werden.
Ihnen geht es aber auch um Bewusstseinsbildung?
2021 haben wir die Menschen mit einer bewusst provokanten Kampagne aus der Komfortzone gerissen. Diesmal stellen wir die Lösungen ins Rampenlicht. Um zu zeigen, dass es ganz tolle Initiativen gibt, die nachhaltig Verbesserungen erzielen können – wenn man sie konsequent fördert. Oft geht es auch darum, den Initiativen Planungssicherheit zu geben.
Sind Sie optimistisch, dass die Gesellschaft sich verändern kann?
Ja, auf jeden Fall. Unsere Kampagne kann nur ein kleiner Tropfen sein – aber da und dort womöglich eine Initialzündung. Veränderung beginnt immer mit dem ersten Schritt. Wenn wir die vermeintlich Schwachen stärken, wenn wir schon unseren Kindern zu Hause, in den Kindergärten und Schulen beibringen, welches Wertesystem eine faire Gesellschaft ausmacht – dann geschieht Wandel.
Was würden Sie Betroffenen mitgeben?
Opfer von Gewalt befinden sich in unvorstellbaren Ausnahmesituationen, deswegen bin ich mit Ratschlägen vorsichtig. Gern würde ich sagen: Sprecht laut, wenn euch Unrecht geschieht! Scham ist fehl am Platz. Schämen müssen sich die Täter.
Was kann ich als Einzelperson tun?
Hinschauen, hinhören und handeln. Gewalt kann jedem und jeder widerfahren, es gibt keine „typischen“ Opfer. Zuhören rettet und Zivilcourage verändert.
Danke für das Gespräch.