„Sniper-Touristen“ in Bosnien: Zahlten sie, um auf Menschen zu schießen?
An den Menschenjagden im Bosnien-Krieg sollen auch Ausländer teilgenommen haben. In Mailand läuft nun das erste Ermittlungsverfahren.
Mailand – Die Verbrechen sollen als Jagdausflüge über das Wochenende getarnt gewesen sein. Doch geschossen wurde hier mutmaßlich nicht auf Wild, sondern auf Menschen – und zwar auf unbewaffnete Zivilisten in der Stadt Sarajevo (Bosnien).
Umgerechnet 80.000 bis 100.000 Euro soll so ein „Jagdausflug“ gekostet haben, schätzen italienische Ermittler laut El País. Auf Kinder zu schießen, sei noch teurer gewesen.
Tausende Zivilisten erschossen
Rückblende: Im Bosnien-Krieg (1992–95) belagerten die bosnischen Serben Sarajevo. Die Stadt liegt in einem Kessel, und Scharfschützen machten von den umliegenden Bergen den Bewohnern das Leben zur Hölle. Tausende Zivilisten wurden getötet oder verletzt – sogar Kinder, die an der Hand der Mutter gingen, sowie Journalisten und Rettungskräfte.
Seit Jahren tauchen immer wieder Berichte auf, wonach unter den Scharfschützen in den Bergen um Sarajevo auch ausländische „Sniper-Touristen“ gewesen sein sollen. Der slowenische Regisseur Miran Zupanic ließ 2022 in dem Dokumentarfilm „Sarajevo Safari“ angebliche Zeugen zu Wort kommen, darunter einen früheren serbischen Soldaten. Nun hat die Staatsanwaltschaft Mailand das erste Ermittlungsverfahren in der Sache eröffnet.
Zunächst private Recherchen
Sie reagierte damit auf eine Strafanzeige, eingebracht von dem Schriftsteller Ezio Gavazzeni, der vor allem in der bosnischen Geheimdienst-Szene recherchiert hat. Unterstützt wird die Anzeige von dem ehemaligen Mailänder Richter Guido Salvini, der sich einst mit der CIA angelegt hat, und Benjamina Karic, bis zum vorigen Jahr Bürgermeisterin von Sarajevo.
Unter den „Sniper-Touristen“ seien viele Italiener gewesen, sagte Gavazzeni dem Guardian. Drei von ihnen will er identifiziert haben – allesamt sehr wohlhabend, rechtsgerichtet und mit einer Leidenschaft für Waffen. Er nennt in einem 17-seitigen Dossier auch mögliche Zeugen für Strafprozesse.
Waren auch Deutsche dabei?
Insgesamt sollen mehr als hundert Ausländer dafür bezahlt haben, auf Menschen zu schießen. Sie gingen demnach davon aus, dass sie in den Kriegswirren straffrei davonkommen. Als Herkunftsländer wurden mehrere westeuropäische Staaten genannt sowie Russland, die USA und Kanada.
Eine Gruppe aus Deutschland wurde angeblich „burgermeister“ genannt, berichtete das New Lines Magazine unter Berufung auf einen Amerikaner, der angeblich als freiwilliger Helfer in der Region war und sie gesehen haben will.
Serbische Veteranen dementieren
An den Menschenjagden, sofern es sie gab, haben viele verdient. Den Berichten zufolge flogen die „Sniper-Touristen“ von Triest nach Belgrad. Von dort seien sie mit Hubschraubern der Armee oder in Fahrzeugen zu den bosnischen Serben und von diesen weiter zu den Scharfschützen-Positionen in den Bergen um Sarajevo gebracht worden.
In Mailand heißt es, die Ermittlungen stehen erst am Anfang; derzeit liegen nur die Unterlagen des Schriftstellers vor. Unklar ist auch, ob und in welchem Ausmaß die serbischen Behörden bereit sind, an der Aufarbeitung mitzuwirken. Serbische Kriegsveteranen bestreiten laut dem Guardian, dass es „Sniper-Touristen“ überhaupt gegeben hat.