Wenn Realität wird, was man lange für absurd gehalten hat
Ein Gedankenexperiment, das gar nicht so weit weg ist von der politischen Realität in der Welt: In seinem ersten Roman „Autochthon“ zeichnet Jürgen Pettinger eine dystopische Fantasie von einem Land ohne Ausländer und den Folgen.
Politische Systeme, auch Demokratien, können kippen – oft schneller als man denkt. Dann passieren Dinge, die auch Experten für unmöglich gehalten haben. Jüngstes Beispiel: Der Abriss des Ostflügels des Weißen Hauses in Washington, wo Präsident Donald Trump partout einen Ballsaal haben will.
Überzeichnet, aber erschreckend real
Was absurd klingt, wird plötzlich wahr: Diese Grundannahme steht hinter „Autochthon“, dem ersten Roman von Jürgen Pettinger. Der ORF-Journalist und ehemalige Tirol Heute-Moderator zeichnet eine satirische Dystopie, die aber nahe genug an der Realität ist, dass man sich mittendrin wähnen kann. Das Szenario: In einem fiktiven Land übernimmt eine rechtsnationale Partei die Macht und erlässt daraufhin ein strenges Remigrationsgesetz, demzufolge alle Ausländer, auch solche in zweiter Generation, das Land verlassen müssen. Das trifft etwa auch den ostdeutschen Schwiegersohn eines Hoteliers und abservierten konservativen Politikers. Aus dem Untergrund formiert sich aber rasch Widerstand gegen die nur scheinbar allmächtige Regierung.
In Erinnerung an Hugo Bettauer
„Eigentlich wollte ich mit meinem Gedankenexperiment Hugo Bettauer ein Denkmal setzen“, erklärt Autor Pettinger im TT-Interview. Der österreichische Schriftsteller hat 1922 den Roman „Die Stadt ohne Juden“ geschrieben. Das Werk erwies sich später auf erschreckende Weise als prophetisch, was die Geschehnisse in der Nazi-Zeit betrifft. Pettinger: „Dystopische Fantasien werden leider tatsächlich oft wahr“.
Anhand von Pettingers Roman kann jeder Leser, jede Leserin selbst Parallelen mit der Gegenwart und Vergangenheit ziehen. „Es ist eine Satire, die auf Tatsachen beruht“, sagt Pettinger. Der Kanzler in „Autochthon“ namens Humpl, erinnert etwa an FPÖ-Chef Herbert Kickl. Doch er habe beim Schreiben gar nicht so sehr die jüngsten Entwicklungen in Österreich im Hinterkopf gehabt, so Pettinger. „Ich habe eher an Ungarn gedacht und an moderne Demokratien der westlichen Welt wie die USA“. An diesen beiden Beispielen könne man sehen, wie schnell Institutionen von innen heraus ausgehölt werden können und Minderheiten um ihre Rechte fürchten müssen. „Man muss früh genug aufpassen, wenn rote Linien überschritten werden“, ist der Autor überzeugt.
Satire, aber nah an der Realität
Lesung und Buchgespräch: Am Donnerstag, 13. November um 19 Uhr diskutiert der Autor Jürgen Pettinger in der Stadtbibliothek Innsbruck mit dem Politikwissenschaftler Reinhold Gärtner über politische Systeme im Wandel, über die Brisanz von Identität, die Rhetorik der „Remigration“ und die Frage, ob Heimat Schutzraum oder Kampfbegriff ist und ob sich die Vergangenheit wiederholen kann.
„Autochthon“ ist im Verlag Kremayr & Scheriau erschienen, 336 Seiten Hardcover, € 25.