Hunderte Kinder und Gläubige in Nigeria entführt, 50 gelang die Flucht
Die St. Mary‘s Schule im Bundesstaat Niger wurde am Freitag von Bewaffneten überfallen. Dabei entführten sie über 300 Kinder und Lehrer – eine der größten Massenentführungen in der Geschichte Nigerias. Bereits 2022 bezeichnete die Organisation „International Christian Concern Nigeria“ als das „gefährlichste Land der Welt für Christen“.
In Nigeria hat eine besonders schwere Welle an Massenentführungen im Nordwesten des Landes Entsetzen ausgelöst. Bewaffnete verschleppten am Freitag 303 Kinder und 12 Lehrer aus einer katholischen Grund- und Sekundarschule im Bundesstaat Niger, wie die Christliche Vereinigung von Nigeria mitteilte. Am Montag zuvor wurden 25 Mädchen aus einer staatlichen Schule im Bundesstaat Kebbi entführt. Kurz danach brachten Angreifer auf eine Kirche im Bundesstaat Kwara 38 Gläubige in ihre Gewalt. Mehrere Menschen wurden bei den Angriffen erschossen.
50 der Kinder, die aus der Schule entführt wurden, hätten zwischenzeitlich entkommen können und seien zu ihren Familien zurückgekehrt, teilte die Christliche Vereinigung Nigerias (CAN) am Sonntag nigerianischen Medien zufolge mit. Nach Angaben des Besitzers der Schule, eines katholischen Bischofs, sollen noch 253 Schüler in der Gewalt der Entführer sein.
Besondere Angst um kleine Kinder
Unter den Entführten sollen sich viele kleine Kinder befinden. Medien des westafrikanischen Staats zitierten Eltern, die von Sechsjährigen sprachen. Auch unter den aus der Kirche Entführten sollen Kinder unter zehn Jahren sein. Um die Jüngsten besteht besonders große Sorge: Entführte werden unter harten Bedingungen festgehalten und kommen oft noch während laufender Verhandlungen oder Sucheinsätzen ums Leben.
Papst Leo XIV. äußerte am Sonntag vor dem traditionellen Angelus-Gebet auf dem Petersplatz in Rom seine Trauer. „Ich empfinde großen Schmerz, insbesondere für die vielen entführten Jungen und Mädchen und ihre verzweifelten Familien“, sagte er. „Ich richte einen betrübten Appell an alle Beteiligten, die Geiseln unverzüglich freizulassen, und fordere die zuständigen Behörden auf, angemessene und zeitnahe Entscheidungen zu treffen, um ihre Freilassung zu gewährleisten.“
Wollen Geld erpressen
In der Region agieren vor allem kriminelle „Banditen“, die aus finanziellen Motiven entführen. Angehörige der aus der Kirche Verschleppten erhielten laut Medien Lösegeldforderungen über 100 Millionen Naira (etwa 60.000 Euro). Entführungen sind in Nigeria inzwischen alltäglich: Zwischen Juni 2024 und Juni 2025 wurden laut Sicherheitsberatungsfirma „SBM Intel“ 4722 Menschen in 997 Vorfällen entführt und 762 getötet.
Kidnapper erpressten mindestens 1,6 Millionen Euro, trotz eines Verbots von Lösegeldzahlungen. Wegen des Wertverfalls des Naira steigen die Forderungen, während Armut und Perspektivlosigkeit immer mehr junge Männer zu den Banden treiben.
Lage schwer einzudämmen
Das Militär Nigerias ist trotz großer Armee schlecht bezahlt und ausgerüstet: Korruption und Krisen schwächen den Staat. Die Suche nach den Entführten blieb bisher erfolglos, nur in Zamfara wurden 25 kurz zuvor Verschleppte befreit. Mehrere nördliche Bundesstaaten und die Bundesregierung schlossen gefährdete Schulen, Präsident Tinubu sagte seine Teilnahme am G20-Gipfel wegen der Sicherheitslage ab.
Die US-Nichtregierungsorganisation International Christian Concern, die die Verfolgung von Christen weltweit dokumentiert, bezeichnete Nigeria 2022 als das „gefährlichste Land der Welt für Christen“. Zugleich werden Muslime ebenfalls Opfer von Terror- oder Banditenangriffen ebenso wie von Racheakten.
Über 2500 entführte SchülerInnen in elf Jahren
Im Norden und Zentrum des bevölkerungsreichsten Landes Afrikas mit mehr als 220 Millionen EinwohnerInnen entführen sowohl kriminelle Banden als auch islamistische Terrorgruppen immer wieder Menschen. Im April 2014 erhielt die Entführung von 276 Schülerinnen durch die islamistische Miliz Boko Haram in Chibok im nordöstlichen Bundesstaat Borno weltweite Aufmerksamkeit. 82 der Mädchen werden bis heute vermisst.
Die nigerianische Zeitung „Vanguard“ errechnete auf Basis von UN-Zahlen und eigenen Recherchen, dass in den elf Jahren nach Chibok mindestens rund weitere 2500 SchülerInnen entführt wurden – zuzüglich mutmaßlich einer Dunkelziffer unbekannter Fälle. (dpa, TT.com)
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