Kinder am Rande der Gesellschaft: Chance auf ein besseres Leben im Kosovo
Auch 25 Jahre nach dem Krieg kämpft die Republik Kosovo mit vielen wirtschaftlichen Herausforderungen. Von extremer Armut sind vor allem Kinder betroffen. Noch einmal mehr, wenn sie einer Minderheit angehören.
Prizren, Gjakova – Ardin Kelmendi steht mit seiner Frau Arlinda und den drei kleinen Töchtern im Eingang ihres kleinen Hauses in Ali Ibra. Eigentlich wohnen sie nur in einem Zubau, aufgeteilt auf zwei Räume. Eine spartanische Einrichtung blitzt direkt hinter der Haustür hervor, die blanken Ziegel sind unverputzt. Auf den Wiesen vor dem Haus und in der ganzen Siedlung liegt Müll. Viel Müll.
Als die Mädchen ihren Besuch kommen sehen, beginnen sie zu strahlen und aufgeregt zu zappeln. Mitarbeiter vom angrenzenden Concordia-Tageszentrum bringen der Familie Lebensmittel. Das Nötigste. Jeden Morgen unter der Woche wird die kleine Elira von den Mitarbeitern abgeholt und mit ins Zentrum genommen. Das Mädchen hat Trisomie 21. „Sie bringen uns mit den Mädchen auch zum Arzt oder Psychologen und geben uns Essen“, zeigt sich die Mutter der Dreijährigen dankbar. Mit „sie“ meint Arlinda die Sozialarbeiter der Hilfsorganisation „Concordia Sozialprojekte“, die im Kosovo zwei Tageszentren betreibt.
Kostenlose Hilfe für Familien
Für die Familie eine Erleichterung: Zumindest eines ihrer vier Kinder ist tagsüber versorgt, erhält regelmäßig eine warme Mahlzeit, wenn nötig auch frische Kleidung. Und altersgerechte Bildung. Das alles stellt die Organisation kostenlos zur Verfügung. Eliras Vater arbeitet – wie so viele Männer der Siedlung am Rande der Stadt – als Tagelöhner. Manchmal kann er Geld nach Hause bringen, manchmal nicht.
Die Siedlung Ali Ibra liegt in der kosvarischen Stadt Gjakova nahe der Grenze zu Albanien. Früher wurde hier Tabak angebaut. Angehörige der Minderheiten Roma, Aschkali und Ägypter siedelten sich an, weil sie in der Fabrik arbeiten konnten. Dann kam Ende der 1990er-Jahre der Krieg und mit dem Tabak war es vorbei. Gjakova wurde schwer bombardiert, erholt sich bis heute von den Nachwehen des Konflikts. Die Bewohner von Ali Ibra kamen nach den Kämpfen zurück und siedelten sich unter menschenunwürdigen Bedingungen wieder in den Ruinen an.
Müll als Einnahmequelle
Fortan war der Müll ihre Einnahmequelle, eine Verwertungsanlage steht auch heute noch direkt neben der Siedlung. Irgendwann hat die Caritas angefangen, an Stelle der Barracken neue Häuser für die Bewohner zu bauen, außerdem ein Tageszentrum für die Betreuung der Kinder. Doch dann zog sich die Hilfsorganisation plötzlich zurück. Die meisten Häuser wirken immer noch halb fertig.
„Manche Mitglieder der Minderheiten in unserer Stadt sind gut etabliert“, erklärt Bürgermeister Ardian Gjini, „aber dann gibt es wieder Orte wie Ali Ibra, wo wir noch nicht da sind, wo wir hinwollen.“ Gjini ist ein kluger Mann, obendrein ein „Opportunist“, wie er zugibt. Er weiß, dass die Stadt die Ressourcen für eine Betreuung solcher Siedlungen nicht alleine aufbringen kann. Sie braucht die Hilfe und finanzielle Unterstützung von nichtstaatlichen Organisationen. Auch in Gjakova herrscht, wie im Rest des Kosovo, hohe Arbeitslosigkeit.
2024 lag die landesweite Arbeitslosenquote bei 10,9 Prozent. Das trifft vor allem Frauen und Kinder hart, noch härter jene, die einer Minderheit angehören. 80 Prozent der Roma, Aschkali und Ägypter im Kosovo leben unter der Armutsgrenze, die Rate der Schulabbrecher liegt bei 40 Prozent. Die, die gehen können, suchen in Europa oder Amerika ein besseres Leben. Und es sind viele: Rund 28 Prozent der über 18-jährigen Kosovaren gaben im Vorjahr bei einer Umfrage des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) an, in den nächsten Jahren das Land verlassen zu wollen.
Hunderte Kinder in extremer Armut
In Ali Ibra sind diese Zahlen noch einmal extremer: Fast 90 Prozent der mehr als 1000 Bewohner leben in extremer Armut, fast die Hälfte sind Kinder. Als sich „Concordia Sozialprojekte“ im Jahr 2023 nach einem weiteren Ort für ein Kinderschutzzentrum umsehen – ein erfolgreiches Transitzentrum betreibt die Organisation seit 2021 in Prizren – werden sie von Bürgermeister Gjini deshalb mit offenen Armen empfangen. „Wir haben das zweite Tageszentrum nach Prizren in Ali Ibra ausgewählt, da wir hier den größten Bedarf gesehen haben. Wir gehen immer dorthin, wo die Not am größten ist und wo andere nicht hingehen“, sagt Bernhard Drumel, Geschäftsführer von Concordia Sozialprojekte.
Zu Concordia
Concordia Sozialprojekte ist eine 1991 gegründete internationale und unabhängige Hilfsorganisation, die Kinder, Jugendliche und Familien in Not in den Projektländern Rumänien, Bulgarien, Moldau, dem Kosovo und in Österreich auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben unterstützt und begleitet. In den Programmen stehen die Stärkung und Einhaltung der Kinderrechte im Vordergrund.
Das übergeordnete Ziel der Arbeit von Concordia ist es, Kinder und Familien dabei zu unterstützen, den Kreislauf der Armut zu durchbrechen und ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Die Organisation ist mit Stützpunkten in Österreich (Wien), Deutschland (Stuttgart) und in der Schweiz (Zug) vertreten und finanziert ihre Arbeit durch Spenden. Näheres zur Organisation: https://concordia.or.at
„Wir arbeiten unter dem Grundsatz, dass jedes Kind Zugang zu Bildung haben sollte“, betont Mirela Lavric, Direktorin der Concordia Sozialprojekte im Kosovo. „Nur so lässt sich der Kreislauf der Armut durchbrechen.“
Mit ihrem Ansatz stößt die Organisation bei der Eröffnung des „Ali Ibra Zentrums“ im Juni 2024 aber zunächst einmal auf Skepsis. Es kommt zu Einbrüchen, immer wieder landet der Müll im sauberen Garten, manchmal muss die Polizei anrücken. Doch mit der Zeit merken die Bewohner, dass ihre Kinder mit dem Tageszentrum eine echte Chance bekommen. Weg von der frühen Arbeitslosigkeit wegen mangelnder Bildung, weg vom Betteln, weg von Kinderehen, die trotz Verbots noch weitverbreitet sind.
Die Kinder gehen gerne ins Zentrum, erhalten dort kostenlose Unterstützung bei der Hausübung und Nachhilfe, wenn sie sich in bestimmten Fächern schwertun. Es gibt eine Vorschule und psychologische Unterstützung, denn viele Kinder leiden unter Traumata, Vernachlässigung oder Verhaltensauffälligkeiten. Es gibt täglich warme Mahlzeiten. Und es gibt Struktur.
Schule statt Straße
Das Zentrum arbeitet eng mit den Familien zusammen, um den schulischen Fortschritt und die soziale Integration der Kinder voranzutreiben. Wenn ein schulpflichtiges Kind nicht zum Unterricht erscheint, rufen die Direktoren meist direkt bei Concordia an. Sie wissen, dass die Sozialarbeiter sich darum kümmern. Oft liegt es an der sozialen Ausgrenzung, dass die Kinder der Siedlung nicht in die Schule wollen. Manchmal ist es den Eltern auch einfach egal, weil sie selbst keine entsprechende Schulbildung hatten oder weil die Kinder stattdessen betteln gehen sollen, um ein bisschen Geld nach Hause zu bringen.
Schon mit kleinen Schritten wird dieser Ausgrenzung entgegengewirkt. „Wir haben in unserem Zentrum zum Beispiel ein Badezimmer eingerichtet, damit wir die Kinder regelmäßig duschen können, sofern ihre Eltern einverstanden sind. Bei Bedarf erhalten sie frische Kleidung und Schulsachen“, führt Lavric aus. 110 Kinder nehmen im Schnitt an den täglichen Aktivitäten teil, es gibt sogar regelmäßige Musik-Stunden und ein eigenes Zentrums-Orchester. Auch die zwölfjährige Dina übt fleißig an ihrer Klarinette, irgendwann möchte sie in einem großen Orchester spielen.
Ihr Vater Sakib platzt vor Stolz: „Als Dina in der dritten Klasse war, kannte sie nicht einmal das Alphabet richtig“, erzählt er. Mittlerweile spielt die Zwölfjährige sogar mit dem Gedanken, einmal selbst Lehrerin zu werden. „Concordia hat in Ali Ibra bereits Großartiges geleistet“, ist Bürgermeister Gjini überzeugt.
Für Direktorin Lavric bleibt aber noch viel zu tun, wie sie sagt: „Mittlerweile betteln uns die Eltern an, ihre Kinder bringen zu dürfen. Dafür reichen aber unsere Kapazitäten nicht aus. Wir müssten doppelt so viele Kinder betreuen, wie wir aktuell schaffen“, erklärt sie. Ein weiterer Ausbau des Zentrums könnte vielen Familien in Ali Ibra helfen. Nicht zuletzt würden auch Eliras Schwestern und ihr neugeborener Bruder eine Chance bekommen. Darauf hofft auch Papa Ardin. „Ich würde mir für meine Kinder wünschen, dass sie einmal ein besseres Leben haben als jetzt.“
Transparenzhinweis
Die TT hat, gemeinsam mit weiteren österreichischen Medien, Anfang November auf Einladung von „Concordia Sozialprojekte“ die beiden Tageszentren im Kosovo besucht.