Dutzende Explosionen in Kiew: Neuer russischer Großangriff auf Ukraine
Inmitten von Gesprächen über eine Friedenslösung überzieht Russland die Ukraine mit massiven Angriffen. Ungarns Regierungschef Orban hält Gebietsabtretungen für unumgänglich.
Kiew – Die Ukraine ist nach Angaben ihres Außenministeriums in der Nacht auf Samstag erneut massiv von Russland angegriffen worden. Dabei seien zwei Menschen getötet und zwei Dutzend weitere verletzt worden. Russland habe mit Dutzenden Marschflugkörpern und ballistischen Raketen sowie über 500 Drohnen Wohnhäuser, das Energienetz und kritische Infrastruktur beschossen. In der Hauptstadt Kiew waren die ganze Nacht über Explosionen zu hören.
Kiew ist eines der häufigsten Ziele russischer Luftangriffe. Schon in der Nacht auf Dienstag waren dort laut Bürgermeister Vitali Klitschko bei Attacken mit ballistischen Raketen, Marschflugkörpern, Hyperschallraketen und Drohnen sieben Menschen getötet worden. Das ukrainische Energieministerium sprach danach von einem "massiven kombinierten Angriff".
Außenminister Andrij Sybiha warf Moskau vor, weiter "zu töten und zu zerstören", während die Welt Friedenspläne für den Konflikt diskutiere. Die Ukraine verteidigt sich seit Februar 2022 mit westlicher Hilfe gegen eine großangelegte russische Invasion. Gerade nachts attackieren die Angreifer ukrainische Städte immer wieder mit Raketen, Gleitbomben und Drohnen. Umgekehrt greift die ukrainische Armee als Teil ihres Abwehrkampfes auch Ziele in Russland an, wobei die Opferzahlen und Schäden dort bei weitem nicht solch verheerende Ausmaße erreichen wie in der Ukraine.
Aktuell laufen intensive Gespräche zwischen der Ukraine, ihren europäischen Verbündeten und den USA über eine Grundlage für eine mögliche Friedenslösung. Wie ein dauerhaft tragfähiger Kompromiss mit Russland aussehen könnte, ist nach wie vor unklar.
Orban: Gebietsabtretungen unumgänglich
Die Ukraine sollte aus Sicht des ungarischen Regierungschefs Viktor Orban nach einem Ende des Krieges allenfalls als "Pufferstaat" zwischen Russland und der NATO weiter existieren. "Die einzige mögliche dauerhafte Lösung besteht darin, dass die Nachkriegsordnung auf dem grundlegenden Prinzip aufbaut, dass die Ukraine wieder zu dem Pufferstaat wird, der sie einst war", sagte er der "Welt am Sonntag".
Auch Gebietsabtretungen der von Russland angegriffenen Ukraine hält er für unumgänglich. "Russland behält jenes Territorium, das auf einer internationalen Friedenskonferenz ausgehandelt wird, und alles westlich dieser Linie – bis zur östlichen NATO-Grenze – bildet das Territorium des ukrainischen Staates, der erneut als Pufferstaat existieren würde", sagte er weiter. NATO und Russland würden sich nach seinen Vorstellungen überdies einigen "auf Umfang und Ausstattung der begrenzten ukrainischen Streitkräfte, die in der Pufferzone operieren dürfen".
Orban hatte am Freitag in Moskau bei einem umstrittenen Treffen mit Kremlchef Wladimir Putin für ein baldiges Ende des Ukrainekrieges geworben. Zugleich machte er deutlich, dass er auf günstige und weiterhin stabile Öl- und Gaslieferungen hoffe.
"Zeit spielt Russland in die Hände, nicht der Ukraine"
Orban führte in der "WamS" aus, es sei an der Zeit, Illusionen aufzugeben und der Realität ins Auge zu sehen, wie sie im US-amerikanischen 28-Punkte-Friedensplan dargestellt sei. "Erstens: Die Zeit spielt Russland in die Hände, nicht der Ukraine – das bedeutet, je länger der Frieden hinausgezögert wird, desto mehr Menschen und Territorien wird die Ukraine verlieren." Zweitens werde Russland gemäß den amerikanischen Vorgaben wieder in die Weltwirtschaft integriert, sagte er. "Die Sanktionen werden schrittweise aufgehoben, eingefrorene Vermögenswerte werden für die Schaffung amerikanisch-russischer Investmentfonds genutzt, und die Geschäfte werden wieder aufgenommen."
Als dritten Punkt fügte er an: "Das Märchen, dass die Europäer den Krieg mit Geld aus Russland finanzieren würden, ist vorbei. Wir müssen unseren Bürgern eingestehen, dass jeder Euro, den wir bisher ausgegeben haben — und jeder Euro, den wir künftig für die Unterstützung der Ukraine ausgeben — vollständig, zu 100 Prozent, von den Menschen in Europa bezahlt wird." (APA/Reuters/dpa)