Von der Zeit überrollt: „Stromberg – Wieder alles wie immer“
Die TV-Kultfigur kehrt ins Kino zurück – und zeigt sich geläutert. Reich an möglichem und unmöglichem Debattenstoff ist der zweite Stromberg-Spielfilm trotzdem. Ab dem 4. Dezember im Kino.
Wie ist es, wenn man ein Monster erschaffen hat? Diese Frage stellt sich nicht nur Victor Frankenstein, sondern neuerdings auch Bernd Stromberg. Sein Monster ist kein zusammengeflicktes Wunderwerk der Wissenschaft, sondern eine Gruppe von Leuten mit aufgeklebten Halbglatzen. Stromberg-Imitatoren, die wie er einst homophobe Sprüche herausdonnern. Das Erstaunliche im Film „Stromberg – Wieder alles wie immer“ ist: Stromberg ist das im Jahr 2025 unangenehm. Ab Donnerstag im Kino.
„So, jetzt ist mal Feierabend!“, ruft er, als seine Nachahmer mal wieder im provokanten Stromberg-Duktus herumplappern. Die Fortsetzung der Stromberg-Saga ist ein ebenso mit Spannung erwarteter wie überraschender Film. Sie führt fort, was in der gleichnamigen Fernsehserie (2004 bis 2012, ProSieben) und in einem Kinofilm (2014) zu sehen war. Aber ein bremsender Stromberg? Das galt ungefähr als so wahrscheinlich wie ein gut gelaunter Darth Vader.
Kontroverse vorprogrammiert
Fans dürften die Komödie daher ähnlich kontrovers diskutieren wie Star-Wars-Fans einen Film ohne Lichtschwert. „Wieder alles wie immer“ hebt sich deutlich vom Dagewesenen ab. Alle anderen bekommen immerhin eine Art Abhandlung zur Frage, woher der gesellschaftliche Wind wohl gerade weht. Work-Life-Balance, Cancel-Culture-Diskussionen, MeToo – an Debattensprengstoff fehlt es in dem Film nicht. Man kann sagen: War Bernd Stromberg früher schon aus der Zeit gefallen, wird er nun von der Zeit überrollt.
Trailer: „Stromberg – Wieder alles wie immer“
Was ist die Ausgangslage? Der Film spielt im Hier und Jetzt, also etwa zehn Jahre nach dem Ende des bisherigen Stromberg-Kanons. Die Prämisse: Bernd Stromberg war einst wirklich Chef und Hauptprotagonist einer TV-Doku (in diesem Stil wurde der Stoff bisher immer erzählt) über eine Chaos-Abteilung bei einer Versicherung.
Die Doku gibt es nicht mehr und Stromberg ist ein in Vergessenheit geratenes Faktotum. Bis das Fernsehen eine Revival-Show („Stromberg – Das Wiedersehen“) produzieren will. Bereits da ist der Film auf der Meta-Ebene der Meta-Ebene angekommen.
Kann man Stromberg noch senden?
Alle sind also wieder da, nur älter geworden. Berthold „Ernie“ Heisterkamp (Bjarne Mädel) – einst Mobbingopfer, nun Lifecoach und optisch irritierend an Gérard Depardieu erinnernd. Tanja und Ulf (Diana Staehly und Oliver Wnuk), mittlerweile 16 Jahre verheiratet, also ungefähr 15 Jahre länger, als man – vor allem wegen Ulf – getippt hätte. Jennifer Schirrmann (Milena Dreissig) – früher Strombergs Objekt der Begierde, neuerdings mit einem Influencer zusammen. Und eben der ewig opportunistische und egozentrische Bernd Stromberg (Christoph Maria Herbst).
Schnell stellt sich die Frage, ob man jemanden wie das alte Büro-Ekel mit seinen Sentenzen („Probleme sind wie Brüste, wenn du sie anfasst, macht es am meisten Spaß“) noch vor eine Kamera lassen darf. Plakativ wird dieser Konflikt vor dem Studio ausgetragen, zwischen Anti-Stromberg-Demonstranten und seinen kostümierten Fans, die ihn als Kultfigur verehren.
Canceln oder feiern?
Das Erstaunliche ist, dass Stromberg aus Angst vor dem Bedeutungsverlust versucht, sich geläutert zu geben, und in einen ungewohnten Modus des Herumdrucksens verfällt. Statt wie einst im Stil einer losen Kanone rassistische und sexistische Sprüche abzufeuern, bleiben nur noch Fragmente. „Kann ein Schwarzer in einem Sonnenstudio arbeiten? Über so eine Frage haben Sie sich ja früher überhaupt keinen Gedanken gemacht“, sagt er in einer Szene. „Heute würde ich sagen: ...“. Dann kommt nur ein nuscheliges Stottern.
Zum Film
Stromberg – Wieder alles wie immer. Regie: Arne Feldhusen. Drehbuch: Ralf Husmann. Mit: Christoph Maria Herbst, Bjarne Mädel, Diana Staehly, Oliver Wnuk, Milena Dreißig. 100 Minuten.
Ab 12 Jahren. Ab 4. Dezember im Kino
Stromberg-Schöpfer Ralf Husmann spielt bewusst mit der Erwartungshaltung des Publikums. Denn man konnte sich natürlich fragen, ob Stromberg – obwohl schon immer klar als Kunstfigur markiert – heute im Kino noch Witze reißen kann wie früher. Oder womöglich gerade wieder, weil mittlerweile jemand, der mitunter wie eine Kunstfigur wirkt, im Weißen Haus das Sagen hat.
Manche Zeilen hören sich dementsprechend an wie ein Beipackzettel für Comedy im Jahr 2025. „Bei Humor kommt’s doch auch immer auf den Zusammenhang an“, sagt Stromberg an einer Stelle (wobei er in Stromberg-Manier nachschiebt: „Du zeigst doch auch keine Stummfilme im Blindenheim.“) Zugleich wird er zur gebrochenen Figur. Man sollte nicht zu viel verraten, aber es öffnet sich für ihn ein echter Abgrund.
Verletzlicher Kotzbrocken
Herbst spielt Stromberg bravourös – noch souveräner als früher. Und ja: Er weiß, wie riskant es war, den Chef aus der Hölle mehr als zehn Jahre lang wegzusperren. „Es gibt nicht wenige Leute, bei denen nach so einer Rolle gar nichts passiert und die dann schon nach ein oder zwei Jahren zurück mit ihrem Erfolgsformat sind“, sagt er der Deutschen Presse-Agentur. „Ich hatte aber keinen Bock, ein Professor Brinkmann ohne Kittel zu werden.“ Die Stromberg-Losigkeit habe ihm sehr gutgetan.
Fans dürften das Tragische in der Figur Stromberg, das in diesem Film bis auf die Knochen freigelegt wird, womöglich irritieren. Die Antwort, die der Film gibt, scheint erst einmal zu sein, dass Männer wie er der Vergangenheit angehören.
Wäre da nicht das Ende. „Wenn keiner mehr Chef ist, dann sind wir alle bloß Angestellte. Und das kann theoretisch funktionieren“, sagt Stromberg ganz zum Schluss. „Aber theoretisch hat auch die DDR funktioniert.“ Zumindest Hauptdarsteller Herbst hat einen Fortgang der Saga nicht grundsätzlich ausgeschlossen. (APA, dpa, TT)