Knigge 2.0: Wie man sich bei der Weihnachtsfeier im Büro verhalten sollte
Glitzer, Smalltalk und Promille waren gestern. Eine Tiroler Business-Coachin sagt: Die Weihnachtsfeier hat heuer neue Regeln. Ein Gespräch über ein „Danke“ ohne Drehbuch, Selbstverantwortung und dass der Vorstand auch ein Mensch ist.
Die Weihnachtsfeier ist für viele der einzige Abend im Jahr, an dem Büro und Bauchgefühl zusammen an einem Tisch sitzen: Hierarchie neben Häppchen, Kolleg:innen neben Curry, dazu Erwartungen, Alkohol – und der stille Druck, „eh locker“ zu sein.
Karin Jungmann, Business- und Somatic-Coach, hält genau dagegen. Ihr Ansatz heißt „Knigge 2.0“ – und meint nicht neue Benimmregeln, sondern einen Bewusstseinsshift: weniger Dos & Don’ts, mehr Selbstverantwortung, Echtheit und Wertschätzung. Warum die Firmenfeier kein Laufsteg und keine Bühne ist, weshalb ein Chef mit zwei ehrlichen Sätzen oft mehr erreicht als mit einer Quartalsrede – und wie man als Mitarbeiter:in bei sich bleibt, ohne den Abend „managen“ zu müssen, erklärt Jungmann im Interview.
Frau Jungmann, Sie sagen: Wir brauchen keine Knigge-Regeln mehr, sondern „Knigge 2.0“. Was meinen Sie damit?
Karin Jungmann: Ich glaube, wir waren noch nie in so einer herausfordernden Zeit für Unternehmen und Mitarbeiter wie heute. Viel verändert sich rasant, vieles bricht weg. Genau deshalb hilft keine Liste mit Dos & Don’ts. Knigge 2.0 ist eigentlich gar keine Knigge – es ist ein Bewusstseinsshift: Bleib bei dir und sei echt.
„Bleib bei dir“ klingt schön – aber auf einer Weihnachtsfeier prasselt ja alles auf einmal hinein: Rollen, Hierarchie, Alkohol, Erwartungen.
Jungmann: Und genau da wird es spannend: Es geht ab jetzt um Tiefe, um Ehrlichkeit, um Wertschätzung – egal ob Vorstand oder Mitarbeiterin. Weihnachten steht für Herzenswärme und Menschlichkeit. Und das ist nicht hochglanzfähig. Wir brauchen weniger Oberfläche und mehr Vertrauen.
Heißt: weniger „perfekter Auftritt“, mehr Begegnung?
Jungmann: Eine Weihnachtsfeier ist kein Showbusiness, keine Bühne, kein Laufsteg und keine Partnerbörse. Sie ist ein Ort des Miteinanders, der Wertschätzung, des Zusammenseins – und natürlich des Genusses. Alles, was nach Inszenierung riecht, darf draußen bleiben.
Viele Chefs kommen mit vorbereiteten Reden – manchmal klingen die wie ein Quartalsbericht. Was wäre besser?
Jungmann: Die Menschen brauchen kein Management-Update bei der Weihnachtsfeier, keine Zahlen und keine Daten. Sie brauchen ein ehrlich gespürtes „Danke!“. Ein Chef sollte heute den Mut haben, ohne vorbereitete Rede von der Sekretärin vor seine Mitarbeiter zu treten und „Danke!“ zu sagen. Mut zur Echtheit ist die Währung von morgen. Die wichtigsten Worte sind außerdem in nur zwei Sätzen gesagt.
Was macht dieses „Danke“ so wirksam?
Jungmann: Weil es nicht mehr um Glitzer und Glamour geht, sondern darum, das Vertrauen zu stärken. Wenn jemand in einer Führungsrolle echt ist und menschlich, spüren das die Leute. Als Chef ist die Weihnachtsfeier eine gute Gelegenheit, von den Mitarbeitenden als Mensch und nicht in der Rolle gesehen zu werden.
Und umgekehrt: Was ist Knigge 2.0 für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?
Jungmann: Selbstverantwortung. Ganz bei sich sein – und nichts tun, was man morgen bereut. Ich brauche kein Mut-Antrinken, um in Kontakt zu kommen.
Das klingt, als würden Sie Flirts oder „Party-Eskapaden“ eher kritisch sehen.
Jungmann: Die Weihnachtsfeier ist nicht der passende Ort für Flirts, Bühnenshow oder Promille. Es ist nicht die Aufgabe der Kollegschaft, andere zu erziehen. Es geht dich nichts an, wer mit wem flirtet oder wer sich daneben benimmt. Das ist deren Verantwortung – nicht deine.
Ein Satz, der viele entlasten könnte. Viele fühlen sich nämlich zuständig.
Jungmann: Ja, und diese Zuständigkeit kostet Energie. Knigge 2.0 heißt: Ich bleibe bei mir. Ich kenne meine Grenzen. Und ich muss keinen Abend „managen“.
Stichwort Hierarchie: Warum verkrampfen so viele, wenn sich der Vorstand an den Tisch setzt?
Jungmann: Weil wir oft glauben, da sitzt „die Rolle“ neben uns und nicht der Mensch. Und dann hilft dieser Gedanke: Der ist ja auch nur ein Mensch. Warum spannt es mich dann an, wenn er sich neben mich setzt?
Also keine Smalltalk-Pflicht, kein Dauer-Performen?
Jungmann: Smalltalk muss nicht sein. Man muss auch nicht immer was sagen oder tun – auch nicht beim Vorstand. Ich muss einfach nur gut bei mir sein, dann regelt sich das meiste ohnehin von selbst. Echte Präsenz ist spürbar, ohne dass man viel reden muss.
Und wenn jemand Grenzen überschreitet – etwa mit indiskreten Fragen?
Jungmann: Dann ist höfliche, verträglich formulierte Abgrenzung das höchste Gebot. Zum Beispiel: „Dazu möchte ich nichts sagen.“ Punkt. Klar, freundlich, ohne Erklärungspflicht.
Viele Weihnachtsfeiern kippen irgendwann in Jammern und Schimpfen über die Firma. Gehört Kritik für Sie dort hin?
Jungmann: Ich würde da sehr achtsam sein. Je überforderter ein Mensch ist, desto mehr holt er sich Bestätigung von außen – und das passiert oft über Jammern. Das Problem: Diskurs schafft Realität. Wenn du stundenlang mitjammerst, fühlst du dich plötzlich auch nicht mehr wohl und deine Realität wird schlechter, als sie davor war. Auch hier greift Selbstverantwortung: Geh einfach weg.
Und was kann die Weihnachtsfeier in nur einem Rat wirklich verändern?
Jungmann: Echtes Zuhören. Das kann ganze Abende verändern. Gerade in Zeiten von KI braucht es etwas, das nicht digitalisierbar ist: echte Präsenz, Menschlichkeit, Zuwendung.
Wenn Sie Knigge 2.0 in einem Satz zusammenfassen müssten?
Jungmann: Weniger Regeln, mehr Herz. Und: Bleib bei dir und sei echt.
Mehr zur ganzheitlichen Businessbegleitung und Somatic Coaching hier

Richtiges Verhalten