"Ich bin Vincent!" in Wien - und ich bin anspruchsvoll!
2017 veröffentlichte Enno Koens mit "Ich bin Vincent und ich habe keine Angst" ein berührendes Kinderbuch über Mobbing und das Anders-Sein respektive die Überwindung der eigenen Angst. Am Sonntag nun feierte die Opernfassung dieses Stoffes im Musiktheater an der Wien ihre Uraufführung. Gordon Kampe hat dafür eine überraschend erwachsene Musik geschaffen, die offiziell ab acht Jahren empfohlen ist, sich aber letztlich eher an etwas ältere Musikfreunde richtet.
Wie im Buch steht auch in der rund eineinviertelstündigen Oper der elfjährige Vincent im Zentrum. Der verträumte Bub liebt die Natur, will am liebsten Überlebenstraining im Wald machen und ist damit in seiner Klasse isoliert. Sein eigentliches Überlebenstraining findet jeden Tag in der Schule statt, wo er von seinen Mitschülern gemobbt wird. Da erscheint die Aussicht auf nahende Schullandwoche als blanker Albtraum.
Seine einzigen Freunde sind Eichhörnchen, Käfer, Fohlen und Wurm - vier Wesen, ebenso so putzig und liebevoll wie imaginär. Erst als die neue Klassenkameradin "Die Jacke", cool und selbstbewusst, Vincent unterstützt und ihm klarmacht, dass Anders-Sein nicht nur okay, sondern gut ist, kann der Bub sich und seine Ängste überwinden.
Die Bühnenversion mit dem empowermentgetriebenen Rufzeichen unter dem Titel "Ich bin Vincent! Und ich habe keine Angst" wird inszeniert vom deutschen Regisseur Johannes Schmid, der sich in Österreich zuletzt mit den beiden Nöstlinger-Kinoadaptionen "Geschichten vom Franz" und "Neue Geschichten vom Franz" einen Namen gemacht hat. Und auch im Theaterrahmen weiß Schmid szenisch zu überzeugen. Vincents Welt wechselt rasant von Schulbus zu Wald oder Schlafsaal hin und her.
Eine Schwachstelle der Oper ist jedoch, dass sich diese Geschichte der frühen Selbstermächtigung jüngeren Zuschauerinnen und Zuschauern primär dann erschließt, wenn sie den Roman bereits kennen oder flüssig Übertitel lesen können. Die Textverständlichkeit des Librettos von Paula Fünfeck ist angesichts der Musik von Gordon Kampe praktisch nicht gegeben.
Der 49-jährige Komponist, der sich in den vergangenen Jahren auf Kinderopern spezialisiert hat, setzt auf Ligeti'sche Chöre oder Webern'sche Passagen und streut nur selten Liebliches ein. Das mag manchen heranwachsenden Operaficionado begeistern, andere hingegen durchaus herausfordern. Und die Entscheidung, den Part des Vincent für den heimischen Shootingstar Alois Mühlbacher und damit das Stimmfach Countertenor zu schreiben, trägt ebenfalls nicht zur Textverständlichkeit bei.
Aber: Die Schauwerte der nun bis kurz vor Jahresende zu sehenden Inszenierung sind fraglos hoch, die Leistung des Ensembles ebenso und die Botschaft stark. Wer will schon normal sein in einer Welt, in der Brutalität und Gewalt zur Normalität gehören?
(Von Martin Fichter-Wöß/APA)