Was hinter der neuerlichen Protestwelle im Iran steckt
In der islamischen Republik gärt es schon seit Jahren. Aber den Regimegegnern mangelt es bisher an Einheit und Organisation.
Teheran – Seit Sonntag gehen im Iran wieder zahlreiche Menschen auf die Straße. Sicherheitskräfte des islamischen Regimes besetzen Knotenpunkte in den Metropolen. Vor allem am Land sollen sie auch massive Gewalt einsetzen. Es soll bereits mehrere Tote gegeben haben.
Wie haben sich die Proteste entwickelt?
Auslöser war ein Einbruch der Devisenkurse. Daraufhin protestierten zuerst Händler in Teheran. Ihnen schlossen sich rasch weitere Bevölkerungsgruppen in zahlreichen Städten und Provinzen ab, darunter Studierende.
Worum geht es den Protestierenden?
Vordergründig geht es um die Wirtschaftskrise. Viele Iraner sind verarmt. Eng damit verknüpft sind politische Inhalte – von Kritik an der Führung bis zur Forderung nach Abschaffung des Systems der islamischen Republik und der rigiden Vorschriften. Unmut und Perspektivenlosigkeit wachsen schon seit Jahren.
Wie reagiert die Führung?
Präsident Massud Peseschkian gab sich selbstkritisch und dialogbereit. Er gilt innerhalb der iranischen Führung als moderat. Das islamische Regime hat aber schon frühere Protestwellen gewaltsam niedergeschlagen. Auch die Hinrichtungswelle im Vorjahr – mehr als 500 Tote – gilt als Versuch, die Bevölkerung einzuschüchtern.
Welche Rolle spielen Frauen?
Viele Iranerinnen halten sich schon lange nicht mehr an die Kopftuchvorschriften und leisten damit zivilen Widerstand gegen das System. „Wenn ich jetzt einen Hidschab trage, habe ich das Gefühl, all die Opfer zunichtezumachen, die so viele Iranerinnen gebracht haben. Es gibt kein Zurück mehr“, zitierte der Guardian eine 22-Jährige in Teheran.
Spielt die Außenpolitik mit hinein?
Berichten zufolge halten viele Iraner die konfrontative Außenpolitik ihrer Führung, die zu Sanktionen und zu Angriffen Israels und der USA geführt hat, für mitverantwortlich für die Krise. US-Präsident Donald Trump erklärte am Freitag, die Vereinigten Staaten würden den Protestierenden zu Hilfe kommen. Details blieb er schuldig.
Können die Proteste Erfolg haben?
Experten bleiben bisher skeptisch. Die Opposition ist zersplittert, und es ist ihr bisher nicht gelungen, „schlagkräftige Organisationen oder dauerhafte Netzwerke aufzubauen, die die Proteste lenken könnten“, schrieb der Historiker Arash Azizi in The Atlantic. Sollte der Druck der Straße anhalten, rechnet Azizi eher mit einer Revolte von Teilen des Regimes. (TT, dpa, APA)