Ermittlungen gegen Barbetreiber von Crans-Montana wegen fahrlässiger Tötung
Gut 48 Stunden nach dem verheerenden Brand in einer Bar im Schweizer Skiort Crans-Montana hat die Polizei die ersten der 40 Todesopfer identifiziert. Unterdessen muss fast die Hälfte der 119 Schwerverletzten mangels Kapazität in der Schweiz ins Ausland verlegt werden.
Zwei Tage nach dem verheerenden Brand in einer Bar in Crans-Montana mit 40 Toten sind strafrechtliche Ermittlungen gegen die beiden Betreiber aufgenommen worden. „Ihnen werden fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung sowie fahrlässige Verursachung einer Feuersbrunst vorgeworfen", teilte die Polizei des Kantons Wallis mit, nicht ohne auf die Unschuldsvermutung hinzuweisen, die bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt.
Bei dem Brand in der Silvesternacht war nach ersten Ermittlungen durch funkensprühende Partyfontänen Schaumstoff an der Decke in Brand geraten. Er hatte sich innerhalb kürzester Zeit ausgebreitet. Neben den Todesopfern wurden 119 Menschen größtenteils schwer verletzt.
Zweifel an Einhaltung von Brandschutzvorschriften
Brandschutzexperten hatten bereits in Frage gestellt, ob die Bar genügend Notausgänge hatte und ob das Material, das unter der Decke wahrscheinlich zur Schalldämpfung installiert war, gesetzeskonform war.
Die Betreiber der Bar, ein französisches Ehepaar hatten Medien gesagt, sie seien am Boden zerstört und kooperierten mit den Behörden, um die Katastrophe aufzuklären.
Indes gibt es mittlerweile für einige Familien traurige Gewissheit über den Tod ihrer Angehörigen. Bei den ersten sicher identifizierten Brandopfern handelt es sich um zwei Schweizerinnen im Alter von 21 und 16 Jahren sowie zwei Schweizer im Alter von 18 und 16 Jahren. Die Leichname seien den Familien übergeben worden, hieß es von den Behörden.
Bei der Identifizierung ist eine 30-köpfige Spezialeinheit zur Identifizierung von Katastrophenopfern im Einsatz. Sie war nach der Tsunami-Katastrophe 2004 in Südostasien aufgebaut worden. Unter den Toten dürften auch einige Ausländer sein.
Weiter Hilfsangebot aus Österreich
Von den 119 Verletzten waren bis Freitag 113 identifiziert worden. Darunter waren 71 Schweizer sowie 14 Franzosen, elf Italiener, vier Serben sowie einzelne Personen aus anderen Ländern. Österreichische Opfer wurden bisher nicht gemeldet.
Fast die Hälfte der Verletzten muss mangels Kapazität in der Schweiz ins Ausland verlegt werden, bis Sonntag sollen 50 Personen in Kliniken in Frankreich, Italien und Belgien unterkommen. Auch Österreich hat Hilfe angeboten. Die ursprünglich für Samstag geplante Überstellung von sechs Patientinnen und Patienten nach Wien und Graz wurde aber vorerst abgesagt, teilte das Innenministerium mit. Das Angebot aus Österreich, medizinische Betreuung zu übernehmen, bleibe aber aufrecht. Kurzfristige Entscheidungen seien laufend möglich.
📽️ Video | Bengalisches Feuer wohl Auslöser von Brand
Nachbar als Lebensretter
Der Italiener Paolo Campolo (55) gehört indes zu den Helden der Brandkatastrophe. In der Silvesternacht rettete er mit anderen Helfern Dutzende junge Menschen aus der brennenden Bar. Alarmiert wurde Campolo gegen 1.20 Uhr von der Tochter seiner Lebensgefährtin, die Rauch bemerkt hatte und ihn sofort verständigte. Campolo, der nur wenige Meter vom Unglücksort entfernt wohnt, zögerte keine Sekunde und eilte mit einem Feuerlöscher zur Bar.
Vor Ort bot sich ihm ein chaotisches und lebensgefährliches Szenario, wie Campolo der italienischen Tageszeitung La Repubblica berichtete: dichter, schwarzer Rauch, eingeschlossene Menschen und kaum Sicht. Über den Haupteingang konnte man nur ein bis zwei Meter ins Innere gelangen. Von dort aus begann Campolo, gemeinsam mit anderen Helfern, Menschen zu packen und ins Freie zu ziehen. Mindestens 20 Personen konnten so gerettet werden. Unter ihnen befand sich auch der Freund der Tochter seiner Partnerin, der schwer verletzt wurde und inzwischen in einem Krankenhaus in Basel behandelt wird.
Retter kannte das Lokal gut
Da Campolo das Lokal gut kannte, suchte er zusätzlich nach einem alternativen Ausgang. An einer hinteren Tür hörte er Hilferufe in verschiedenen Sprachen. Gemeinsam mit einer weiteren Person brach er die blockierte Tür auf. Dahinter befanden sich zahlreiche eingeschlossene Jugendliche, einige bei Bewusstsein, andere schwer verletzt. Campolo half, so viele Menschen wie möglich ins Freie zu bringen, trug aber auch Tote nach draußen. Später sagte er, er habe in diesem Moment nicht an den eigenen Schmerz, den Rauch oder das Risiko gedacht, sondern nur daran, dass es seine eigenen Kinder hätten sein können.
Paolo Campolo selbst erlitt schwere Reizungen der Atemwege durch den Rauch und wird derzeit in einem Krankenhaus in Sitten behandelt, wo er eine Atemmaske trägt. Seine Tochter Paolina blieb unverletzt – nur weil sie sich verspätet hatte, nachdem sie vor dem Ausgehen noch zu Hause vorbeigeschaut hatte. Diese Verspätung, so ihr Vater, habe ihr vermutlich das Leben gerettet. (TT, APA, dpa)
40 Tote und 119 Verletzte