Olga Neuwirth: "Komponistinnen finden nie ständige Heimat"
In Hamburg weht dem Opernpublikum seit Beginn der neuen Saison ein frischer Wind um die Nase. Tobias Kratzer hat das Haus an der Elbe übernommen und setzt auf Neues und neue Blickwinkel. Der - zumindest aus österreichischer Sicht - fraglose Höhepunkt der Auftaktspielzeit feiert dabei am 1. Februar Uraufführung: "Monster's Paradise" - das neue Werk von Olga Neuwirth und Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek.
Dies stellt einen echten Coup für die Hanseaten dar, ist die Opernsatire doch die erste Zusammenarbeit der beiden österreichischen Künstlerinnen seit fast einem Vierteljahrhundert. Die Proben zur Koproduktion mit der Oper Graz und dem Opernhaus Zürich laufen. Aus diesem Anlass führte die Komponistin Olga Neuwirth mit der APA schriftlich ein Interview zu ihrer neuen Produktion. Darin erzählt die 57-Jährige von der einst böswillig unterbrochenen Kooperation mit Elfriede Jelinek, der Komposition als zerstörerischer Grenzgang und Jauchegruben.
APA: Am 1. Februar feiert mit "Monster's Paradise" Ihre neueste Oper Uraufführung in Hamburg. Ist alles rechtzeitig fertig geworden?
Olga Neuwirth: Ja. Aber wegen des plötzlichen Todes unserer geliebten Mutter während des Komponierens war ich sehr in Verspätung. Durfte nicht trauern und habe es nur durch absolute Disziplin bis zur völligen Erschöpfung geschafft. Ein zerstörerischer Grenzgang.
APA: Elfriede Jelinek und Sie hatten 23 Jahre Pause in der Zusammenarbeit. Hat sich Ihr Zusammenspiel durch diesen Abstand verändert?
Neuwirth: Unsere Zusammenarbeit wurde absichtlich und böswillig unterbrochen. Nicht von uns selbst. Insofern verändert, dass die Zeit in unsere Leben "eingeschlagen" hat wie ein Komet.
APA: Können Sie Ihre Form der Kollaboration beschreiben? Legt Elfriede Jelinek ein fertiges Libretto vor, mit dem Sie dann arbeiten oder ist das ein wechselseitiger Prozess?
Neuwirth: Jedes Projekt ist anders und hat daher andere Voraussetzungen. Aber die Zusammenarbeit ist geprägt von über 40 Jahren Vertrauen.
APA: Tobias Kratzer möchte "Monster's Paradise" als Grand Guignol inszenieren. Ist die Groteske die angemessene Form, um sich mit unserer Zeit auseinanderzusetzen?
Neuwirth: Nicht er möchte es als ein Grand Guignol inszenieren, sondern das war der von mir gewählte Untertitel: eine Grand Guignol Opéra. Die sozial-politische Realität ist so bedrückend, wohin man auch blickt: Jauchegruben. Wegen des Gefühls, dass man wieder an einer Schwelle der Geschichte, an einem Scheideweg angelangt ist, und weil die realen Verhältnisse die Grenzen der Vernunft bereits überstiegen haben, fiel mir einer meiner Lieblingsfilme ein: Kubricks "Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb". Eine schwarze Politiksatire. Eine als Komödie getarnte Tragödie. Während meiner Studienzeit in Paris Anfang der 1990er Jahre habe ich mich sehr mit dem Théâtre du Grand-Guignol, das am Ende des 19. Jahrhunderts im Pariser Pigalle entstanden war, beschäftigt. Drastisches, amoralisches, bissiges, schrilles "Horror-Entertainment".
APA: Wie zeitlos fällt "Monster's Paradise" aus, wie sehr verstehen Sie das Werk als satirischen Kommentar zur Welt im Jahr 2026?
Neuwirth: Die Mechanismen von Macht und Gier sind letztlich immer dieselben, wenn man auf die Menschheitsgeschichte blickt. Nur erscheinen sie in anderer Verkleidung der jeweiligen Zeit wieder. Es beginnt mit der Verrohung von Sprache, der Angst, etwas zu verlieren. Und der zunächst gewöhnlich erscheinende Akt von menschlicher Eitelkeit, Gier und Machtgelüsten entfaltet sich im Laufe der Zeit in eine menschengemachte Katastrophe.
APA: Zwei Vampiretten sind die beiden Hauptprotagonistinnen Ihres Stücks. Verstehen Sie diese als Alter Ego von Frau Jelinek und sich selbst?
Neuwirth: Das mögen die Zuhörer/Zuseher entscheiden.
APA: Und wie sehen Sie den neuen Drive, den Tobias Kratzer nach Hamburg bringt? Könnte die dortige Staatsoper für Sie eine neue künstlerische Heimat werden?
Neuwirth: Seine Bemühungen, aus Opernhäusern keine musikalischen Museen, wie mehr oder weniger üblich geworden, werden zu lassen, sondern offene, lebendige Stätten, in denen sehr wohl an die (Berührungs-)Kraft von alter und neuer Musik geglaubt wird, finde ich bewundernswert. Denn Opernhäuser sind leider immer noch zu sehr in konservativen, starren Denkmustern verhaftet. Komponistinnen, Komponisten finden nie eine ständige Heimat, was auch immer Heimat sein mag, denn sie gehen immer nur irgendwo rein und bald wieder raus. Werden mehr oder weniger geduldet und müssen wieder woanders neu beginnen. Außer ihr Schaffen steht im Zusammenhang mit residencies, was aber nur ganz selten vorkommt.
(Die Fragen stellte Martin Fichter-Wöß/APA)