Gewalt hält an

Heftige Gefechte in Aleppo: Kurden in Syrien stehen wieder im Visier

Einheiten syrischer Regierungstruppen auf dem Weg nach Aleppo. Sie haben die zweitgrößte Stadt Syriens wieder ganz unter ihre Kontrolle gebracht. Zehntausende Menschen sind vor den Kämpfen geflüchtet.
© AFP/Alkasem

Die Gewalt in Syrien hält an. Kurden und die einst jihadistischen Milizen der Regierung trauen einander nicht über den Weg, auch wenn die Regierung zuletzt eine „sofortige und umfassende Waffenruhe“ verkündete.

Aleppo – Nach tagelangen Gefechten mit kurdischen Kämpfern haben syrische Regierungstruppen die gesamte Großstadt Aleppo, die zweitgrößte Stadt Syriens im Nordwesten des Landes, wieder unter ihre Kontrolle gebracht. Vor einer Woche wurden Hunderte kurdische Kämpfer aus dem letzten kurdisch kontrollierten Stadtteil Sheikh Maqsoud evakuiert und in die autonome kurdische Zone im Nordosten Syriens gebracht.

Heftige Gefechte

Anfang Jänner brachen in Aleppo heftige Kämpfe aus. Syrische Regierungstruppen und mit ihnen verbündete Milizen lieferten sich mit den kurdisch angeführten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) und deren kurdische Polizei- und Sicherheitskräften, die Asayish, Gefechte. Beide Seiten warfen einander vor, die Angriffe gestartet zu haben. Während die Übergangsregierung von „gezielten Operationen“ sprach, beschuldigten die SDF die Regierungstruppen der „Einschüchterung der Zivilbevölkerung“ und der „Zwangsvertreibungen“. Seit dem Sturz von Assad kam es bereits mehrfach zu Kämpfen zwischen den SDF und Regierungstruppen.

Aleppo steht unter der Kontrolle der Übergangsregierung. Unter Beschuss standen nun vor allem die beiden kurdischen Stadtviertel Achrafieh und Sheikh Maqsood. Die staatliche Nachrichtenagentur SANA berichtete von rund 140.000 Vertriebenen.

Kurdische Kämpfer in Qamischli im autonom verwalteten Kurdengebiet im Nordosten Syriens. Präsident Al Sharaa gilt hier nicht als Freund.
© AFP/Souleiman

Welche Rolle spielen die Kurden in Syrien?

Unter den ethnischen Minderheiten in Syrien stellen Kurden die größte Gruppe. Zu Assad-Zeiten wurden sie im Land weitläufig diskriminiert. Im syrischen Bürgerkrieg haben sie weite Teile Nordsyriens unter ihre Kontrolle gebracht. In diesen Gebieten haben sie eine Selbstverwaltung aufgebaut. Aleppo gehört nicht dazu.

Beim Sieg über den IS in Syrien 2019 spielten die von den USA unterstützten Kurdenmilizen eine entscheidende Rolle. In den von den Kurden kontrollierten Gebieten, nahe der Grenze zum Irak, liegen auch die meisten Ölfelder Syriens. Sie sind wirtschaftlich entscheidend für das Land.

Wie stehen die Kurden zur neuen Regierung in Damaskus?

Nach dem Umbruch in Syrien hatten sich die aktuelle Übergangsregierung und die kurdisch geführten SDF im März vergangenen Jahres auf eine Eingliederung der bisher autonom verwalteten Institutionen der Kurden in die staatliche Ordnung geeinigt. Die SDF-Kämpfer sollten in die Armee integriert werden. Auch Grenzübergänge, Flughäfen sowie die Öl- und Gasfelder sollten damit unter staatliche Kontrolle fallen. Konkrete Schritte zur Umsetzung des Abkommens blieben bisher aus. Die Kurden fürchten sich vor weiterer Diskriminierung. Sie bevorzugen eine dezentrale Staatsordnung, um ihre Rechte nicht wieder zu verlieren. Die Führung in Damaskus hingegen möchte einen zentralisierten Staat. Während des Bürgerkriegs bekämpften auch Milizen, die heute unter dem Dach der staatlichen Sicherheitskräfte geführt werden, im Konflikt die Kurden.

Welche Rolle spielt die Türkei?

Ende 2024 stürzte eine Rebellenallianz unter Führung der Islamistengruppe Hayat Tahrir al-Sham (HTS) den langjährigen Machthaber Bashar al-Assad. HTS-Kopf Ahmed al-Sharaa ist heute Syriens Übergangspräsident. Die Türkei ist eng mit der aktuellen Führung in Damaskus verbunden. Die Kurdenmilizen werden von Ankara als Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und damit als Terrororganisation betrachtet. Der türkische Staat befindet sich in einem fragilen Friedensprozess mit der PKK. Mit Blick auf Aleppo bot die Türkei der syrischen Regierung Hilfe an. (dpa, jec)