Besser hören

„Wie bitte?“ – Dank Hörgerät endlich wieder verstehen

Hören und Verstehen – auch im Alter. Für die Teilhabe am Sozialleben und für die Kommunikation mit der Familie ist das Verstehen des Gegenübers essenziell.
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Man hört zwar, dass jemand spricht, doch die Worte scheinen zu verschwimmen. Was oft als Unaufmerksamkeit abgetan wird, ist häufig Anzeichen einer Schwerhörigkeit.

Die häufigste Ursache für ein nachlassendes Gehör ist das Resultat eines ganz natürlichen Prozesses. „Schwerhörigkeit im Alter ist etwas Normales. Ähnlich wie schlecht sehen oder dass die Gelenke nicht mehr so fit sind“, erklärt Viktor Koci, Berufsgruppensprecher der Tiroler Hörakustiker. Dieser Prozess wird oft durch Lärmschäden aus Beruf und Freizeit beschleunigt. Das Ohr, so der Experte, vergisst nämlich nichts.

Das Rätsel des Nicht-Verstehens

Das Tückische an dieser Art von Hörverlust ist, dass nicht alle Frequenzen gleichermaßen betroffen sind. In der Regel leiden die hohen Töne zuerst – denn die für hohe Frequenzen zuständigen Sinneshärchen liegen nahe am Eingang der Hörschnecke und nehmen als erstes Schaden. Während die tiefen Vokale (a, e, i, o, u) meist problemlos gehört werden, gehen die hochfrequenten Konsonanten (wie s, sch, f, t, p) verloren. Genau diese Zisch- und Plosivlaute sind aber gerade in unserem Sprachraum entscheidend für das Sprachverständnis. Das Ergebnis ist ein Phänomen, das viele Betroffene frustriert: „Ich höre zwar, aber ich verstehe nichts“, zitiert Koci einen oft gehörten Satz. „Hat der jetzt FPÖ gesagt oder hat er SPÖ gesagt? Das F und das S sind leise, hochfrequente Laute. Man muss raten oder aus dem Kontext schließen.“

Ein modernes Hörgerät setzt genau hier an. Es macht nicht pauschal alles lauter, sondern verstärkt gezielt jene Frequenzen, die nicht mehr wahrgenommen werden. „Was ich nicht höre, kann ich auch nicht verstehen. Deswegen muss man das Nicht-Hörbare erst einmal hörbar machen“, bringt es Koci auf den Punkt.

„Wenn man einmal erlebt hat, wie schön es ist, wieder zu hören, möchte man nie mehr ohne Hörgerät leben.“

Viktor Koci, Hörakustiker

Welches Gerät für wen?

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen zwei Bauformen: Im-Ohr-Hörgeräte, die im Gehörgang sitzen, und Hinter-dem-Ohr-Geräte, bei denen die Technik hinter der Ohrmuschel verborgen ist. Viele wünschen sich aus ästhetischen Gründen ein möglichst unsichtbares Im-Ohr-Gerät. Doch diese sind nicht in allen Fällen ideal. Sie verschließen gerade engere Gehörgänge, was zu einem Okklusionseffekt führen kann: Das Ohr fühlt sich zugestopft an, man hört die eigene Stimme und Körpergeräusche wie Kauen lauter. Zudem ist ihre maximale Verstärkung durch die bauliche Nähe von Mikrofon und Lautsprecher limitiert. Bei starkem Hörverlust würde es deshalb zu Rückkopplungen – dem unliebsamen Pfeifen – kommen.

Über 90 % der Versorgungen erfolgen heute mit modernen Hinter-dem-Ohr-Geräten. Bei diesen wird der Lautsprecher über ein dünnes Kabel direkt in den Gehörgang platziert. „Das eigentlich unsichtbare Modell ist das Hinter-dem-Ohr-Hörgerät“, stellt Koci klar. „Die Technik ist hinter dem Ohr versteckt, noch ein paar Haare drüber und es ist praktisch unsichtbar.“ Diese Art des Hörgeräts ist meist angenehmer zu tragen und technisch oft leistungsfähiger.

Wenn Hörgeräte nicht mehr reichen

Für Menschen mit hochgradigem Hörverlust, bei denen auch die besten Hörgeräte kein ausreichendes Sprachverstehen mehr ermöglichen, kann ein Cochlea-Implantat bzw. ein Mittelohr-Implanat die Lösung sein. Bei ersterem wird eine Elektrode in die Hörschnecke (Cochlea) implantiert, die den Hörnerv elektrisch stimuliert. Das Mittelohr-Implantat dagegen gibt Vibrationen auf die Mittelohr-Strukturen ab. Diesen Eingriffen geht laut Koci aber ein langer Entscheidungsprozess voraus. „Der Schritt wird zusammen mit Ärzten, Audiologen und Psychologen abgeklärt.“

Kein Stigma mehr: Dank Earpods und Co. trägt heute praktisch jeder ein sichtbares Hörgerät. Und wie die trendigen Audio-Accessoires verfügen auch moderne Hörgeräte über Bluetooth-Funktionen zur Verbindung mit Smartphones, Tablets oder TVs.
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Keine Scheu vor Hörgeräten

Vom ästhetischen Gesichtspunkt her gibt es keinen Grund mehr, Hörgeräte abzulehnen. „Man muss sich nur umsehen, wenn man im Bus sitzt. Mit den Earpods und verschiedenen Kopf- und Ohrhörern trägt im Grunde heute jeder ein Hörgerät“, sagt Koci. Hörgeräte hätten auch viele nützliche Bluetooth-Funktionen für Musik oder TV. Optisch und von den Funktionen her würden die Geräte immer mehr verschmelzen. Dadurch würde auch das Stigma der Einschränkung zunehmend verschwinden. Die beste Entscheidungshilfe ist – nach medizinischer Abklärung beim HNO-Arzt – ein unverbindlicher Besuch beim Hörakustiker. „Wenn man erlebt hat, wie schön es ist, wieder zu hören und zu verstehen, dann möchte man nicht mehr ohne Hörgerät leben.“