Stichwort Neuroathletik

Der Trick mit dem Blick: Wie Spitzensportler ihr Gehirn trainieren

Selbst ein Boss auf den Pisten lässt nichts unversucht, um sein Leistungsvermögen auszuschöpfen: Marco Odermatt aktiviert mit den Augen sein Gleichgewichtssystem.
© GEPA pictures/ Mario Buehner-Weinrauch

Warum Ski-Ass Mikaela Shiffrin vor dem Start Gummibärchen isst, Marco Odermatt Handschuhe ins Visier nimmt oder Tennis-Ass Jannik Sinner Bälle anstarrt – viele Sportler schwören auf Neuroathletik.

Rot, gelb oder doch lieber grün? Es ist für Mikaela Shiffrin keine Frage des Aromas. Süß schmecken sie alle, die Gummibärchen. Darauf kommt es der erfolgreichsten Skifahrerin aller Zeiten auch an, wenn sie sich wie unlängst im Starthaus noch einen Fruchtgummi in den Mund schiebt. Denn: Hinter den Süßigkeiten steckt viel mehr.

„Das ist keine versteckte Werbung, sondern eine bewusste Handlung. Es geht um Chemosensorik“, sagt der Tiroler Trainer Roland Ortner und erklärt, dass über die Rezeptoren in der Zunge bestimmte Gehirnnerven freigeschaltet würden, wodurch Nacken und Rumpf stabiler seien, was wiederum Auswirkungen auf das Gleichgewicht habe. „Das hat ganz und gar nichts mit Zauberei zu tun, sondern ist ein Teilgebiet der Neuroathletik.“

In den sozialen Medien gehen solche und ähnliche Methoden längst viral. Da wird mit den Augen gerollt, mit der Zunge im Mund gekreist, um dann etwa mit den Händen leichter die Füße zu erreichen oder sogar schneller zu sprinten.

Die Übungsgeräte in der Neuroathletik sind vielfältig und speziell: Blätter mit Zahlen und Smileys, dreiarmige Fanggeräte, Lichtsensoren, bunte Bälle, verschieden farbige Brillen, auch abgedunkelte, ein vibrierendes Beißstäbchen aus der Logopädie und vieles mehr.
© Axel Springer

Im Spitzensport hat sich einiges davon etabliert, wie nicht nur jetzt bei den Olympischen Spielen sichtbar ist: So fokussiert Ski-Ass Marco Odermatt im Startareal seine Handschuhe in den Augenwinkeln oder Tennis-Star Jannik Sinner starrt mitunter auf pendelnde Bälle. Selbst elektrische Zahnbürsten sind im Vorstartraum nichts Außergewöhnliches. „Mit der Augenposition lässt sich das Gleichgewichtssystem aktivieren. Vibrierende Stäbchen zwischen den Zähnen kommen hingegen aus der Logopädie und aktivieren Gehirnhälften“, erklärt Ortner und erläutert: „In der Neuroathletik stehen Gehirn und Nervensystem als zentrale Elemente der Bewegungssteuerung im Mittelpunkt, unsere Software. Sie steuert die Hardware.“

Gehirn am Bergisel ohne Freude

Geprägt wurde der Begriff erstmals Anfang der 2000er-Jahre durch den US-Amerikaner Eric Cobb, der ursprünglich vom Militär stammende Methoden anwandte. In Europa machte sich Lars Lienhard damit einen Namen, auch weil er etwa 2014 bei Deutschlands Fußball-Weltmeisterteam aufschien. In Österreich zählt Ortner zu den Pionieren. Seit rund zehn Jahren beschäftigt sich der 54-Jährige mit Neuroathletik. Der ehemalige Fußball-Profi und Trainer mit UEFA-Pro-Lizenz hat inzwischen einen prominenten Kundenkreis im Innsbrucker Fitnessstudio Invibe.

So übt Roland Ortner mit dem jungen Skispringer Julijan Smid

Viele SportlerInnen aus den Sparten Fußball, Tennis, Ski alpin und nordisch oder sogar der Formel 1 kommen zu ihm. Über Namen redet er nicht, von Revolution nur bedingt: „Es ist angewandte Neurowissenschaft und keine Esoterik.“ Grundsätzlich habe das Gehirn keine Freude, wenn es am Bergisel stehe und 130 Meter runterspringe, erklärt Ortner: „Das Hirn will, dass wir geschützt sind, mag keinen Leistungssport und ist etwa nach einer Verletzung oft lange im Überlebensmodus.“

Brillen, Blätter, Bälle

Die Neuroathletik sieht sich an, wie gut bestimmte Bewegungen reguliert werden können: was etwa die Augen können (visueller Bereich), was das Gleichgewicht (vestibuläres System), wie der eigene Körper im Raum wahrgenommen wird (Propriozeption). „Man kann noch so gut trainiert sein, wenn das linke Auge meldet, der Ball ist zehn Meter entfernt, das rechte aber neun, habe ich ein Problem. Das Gehirn löst das, braucht aber Zeit. Durch Übung erhöht sich diese Handlungsschnelligkeit“, so Ortner. Skispringer Julijan Smid, Team-Juniorenweltmeister, übt regelmäßig in Innsbruck, ihm gebe es Sicherheit auf der Schanze und in der Luft, wie er sagt: „Es fühlt sich für mich gut an, vielseitig zu arbeiten.“

Seit zehn Jahren beschäftigt sich Roland Ortner nun mit Neuroathletik und hat im Innsbrucker Fitness-Studio Invibe einen prominenten Kundenkreis.
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Sportwissenschaft reserviert

Die Übungsgeräte sind kaum zu vergleichen mit vielem, was sonst im herkömmlichen Training üblich ist: bunte Brillen, Schnüre mit farbigen Kugeln, Blätter mit aufgedruckten Linien, Zahlen und Kreisen, Lichtlampen, Kopfhörer aus denen Töne mit bestimmten Frequenzen klingen, der bereits bekannte Beißstab, um nur einiges zu nennen. Ortner beschreibt, welche Nervenbahnen jeweils damit etwa über Augen, Haut oder auch Ohren, innerviert werden. Schwitzen muss man dabei nicht, die Übungen werden vor dem körperlichen Kraftakt ausgeführt.

In der Sportwissenschaft ist die Neuroathletik, auch neurozentriertes Training genannt, aber keine neue Disziplin. Es fehlen (noch) Studien. Zum einen ist sie zu jung, zum anderen lassen sich sinnvolle Untersuchungsdesigns nur schwer erstellen, wie der Innsbrucker Sport-Universitätsprofessor Christian Raschner erklärt: „Es ist grundsätzlich ein Bereich, den man forcieren kann, wenngleich es, was die wissenschaftliche Evidenz betrifft, noch zwiespältige Meinungen gibt, inwieweit es zu einer Leistungssteigerung kommt.“ Erste Studien gingen durchaus in eine positive Richtung, „aber man kann nicht global sagen, dass es Leistung steigert oder Verletzungen verhindert. Man muss aufpassen, was versprochen wird, vor allem online.“

Es könne aber jedenfalls eine Unterstützung sein, sagt Raschner, „die aus meiner Sicht bei dem einen besser zur Wirkung kommt als beim anderen“. Grundsätzlich sei vieles davon aber nicht neu: „Der Boom rund um die Neuroathletik rückt den Fokus auf koordinatives Training, wie etwa Hand-Auge-Zusammenspiel, und das ist extrem positiv.“

So funktioniert die Neuroathletik: eine Übung für mehr Gleichgewicht

Selbst wenn das Wort Athletik ein Teil davon ist, steckt vieles für den Alltag drin, beispielsweise für Verletzungsprophylaxe im Alter. „Es sind nicht nur Methoden für Sportler, im Gegenteil. Neuroathletik kann in vielen Bereichen wirkungsvoll sein“, sagt Trainer und Ausbilder Roland Ortner. Für die TT wählte der Innsbrucker eine Übung aus, die sich nachmachen lässt.

Der Kopf ist geradeaus gerichtet. Mit den Augen wird ein Punkt anvisiert, beispielsweise der eigene Daumen am ausgestreckten Arm. Jetzt neigt man den Kopf schräg zur Seite (Ohr Richtung Schulter) und behält den Punkt im Blick. Man ergänzt um ein weiteres Ziel in der dahinter liegenden Ferne, etwa einen Fleck an der Wand, und wechselt den Blick von der Nähe in die Tiefe, ohne den Kopf zu bewegen. Wenn möglich, alles noch ergänzt um wechselseitige Ausfallschritte.

„Dadurch wird das Gleichgewichtsorgan, das Otolitensystem mit den Nervenbahnen Utriculus und Sacculus, angeregt“, erklärt Ortner die sogenannte „Reflexive Stabilität“. Anders gesagt: Die Augen werden über das Gleichgewichtssystem stabilisiert. Auch die Wahrnehmung des Körpers im Raum laufe über das Gleichgewicht, wo sich etwa Arme und Beine befinden – nicht nur auf Pisten. Ortner: „Viele, meist ältere Menschen, haben Probleme, wenn sie etwa beim Gehen plötzlich von der Seite gerufen werden.“ Drehen sie dann den Kopf, würden in den Bogengängen Reize durch die Haarzellen ausgelöst und der Gleichgewichtsnerv innerviert. Ist dieser aber nicht aktiviert, „kommt man dabei ins Straucheln, muss den Körper drehen oder fällt im schlimmsten Fall sogar um“.

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