Sorge um Monarchie

Deshalb hat der gefallene Prinz Andrew nur noch zwei Angestellte

Der gefallene Prinz mit seinem Bruder Charles, dem König. Der Skandal, in den Andrew verstrickt ist, belastet nun auch die Monarchie.
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Großbritannien spricht vom Niedergang der Monarchie. Der Skandal um den Ex-Prinzen Andrew und seine Verbindung zum Sexualstraftäter Jeffrey Epstein ist eine Zäsur. Die Sanktionen gegen Andrew werden ausgedehnt.

Aller Ämter, Titel und Ehrungen enthoben, verbrachte Andrew seinen 66. Geburtstag vergangene Woche auf einer Polizeiwache. Ermittler durchsuchten mehrere Anwesen. Die Angelegenheit werfe „fundamentale Fragen für die Institution der Monarchie auf“, sagt der Verfassungsexperte und Royal-Kenner Craig Prescott von der Londoner Universität Royal Holloway.

Die Diskreditierung von Andrew Mountbatten-Windsor geht weiter. Er wird mit Minimalpersonal auf Sandringham wohnen. In seinem neuen Zuhause Marsh Farm auf dem Sandringham-Anwesen in der Grafschaft Norfolk werden ihm nur zwei Angestellte zur Verfügung stehen. Nur ein Koch und ein Kammerdiener – so sieht die Zukunft des gefallenen Prinzen aus. Seine zwei Bediensteten sollen ihn jetzt „Sir“ nennen.

Platz acht in der Thronfolge wackelt

Auch hinsichtlich seines Ranges in der britischen Thronfolge gerät Andrew immer mehr auf das Abstellgleis. Noch belegt er den achten Platz, doch die Kritik daran wird immer lauter. Auch die Neuseeländer haben nun – nach den Australiern – angekündigt, einen Ausschluss aus der Thronfolge zu unterstützen. Das berichtet die deutsche Illustrierte Gala.

Andrew, zweitältester Sohn der verstorbenen Queen Elizabeth II., war bis zur Geburt von Prinz William (43) Zweiter in der britischen Thronfolge. Die Rolle des „Spare“, der royalen Reserve für den Fall, dass der oder die Erstgeborene ausfällt, ist keine unproblematische, wie Prescott im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur betont. Schon die jüngere Schwester von Elizabeth II., Prinzessin Margaret, sei damit todunglücklich gewesen. Auch das Drama um Prinz Harry zeige, wie anfällig die Zweitgeborenen für Krisen und Konflikte seien.

Der König muss wohl nicht in den Zeugenstand

Andrew beließ es hingegen nicht bei bloßen Eskapaden. Seine Verbindung zum verstorbenen US-Multimillionär Epstein, der einen Missbrauchsring betrieb, dem viele Mädchen und Frauen zum Opfer fielen, könnte noch ernsthafte Folgen nach sich ziehen. Bislang lautet der Verdacht lediglich auf Fehlverhalten im öffentlichen Amt. Doch eines der Epstein-Opfer, Virginia Giuffre, hatte Andrew vorgeworfen, sie als Minderjährige missbraucht zu haben. Er streitet das vehement ab.

Sollte gegen Andrew Anklage erhoben werden, könnte es für das Königshaus äußert peinlich werden, glaubt Prescott. Ihm zufolge dürfte es dann zu einem Prozess vor einem Geschworenengericht kommen, bei dem öffentlich verhandelt wird.

Dass König Charles III. (77) dabei in den Zeugenstand gerufen wird, hält er aber für ausgeschlossen. Der britische Souverän, in dessen Namen in Großbritannien Strafverfahren geführt werden, unterliegt nicht denselben Regeln wie die Bürger seines Landes.

In den Sog der Enthüllungen rund um den Missbrauchs-Ring von Epstein geraten immer mehr Prominente. Andrew spielte eine Rolle.
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Schuldeingeständnis würde Monarchie schützen

Möglich aber wären wohl Vernehmungen von Palastmitarbeitern. Wer hat was mitbekommen von Andrews Treiben? Dabei könnte so manches ans Tageslicht gezerrt werden, was die Royals lieber für sich behielten. Viel dagegen tun können sie jedoch nicht. „Sie werden damit letztlich leben müssen“, sagt Prescott. Ersparen könne Andrew das dem Königshaus allerdings, wenn er im Fall einer Anklage auf schuldig plädiere.

Seit Jahren wird spekuliert, König Charles könne eines Tages wie andere europäische Monarchen das Zepter an seinen ältesten Sohn William weiterreichen. Dass die Affäre um Andrew so eine Entwicklung wahrscheinlicher macht, hält Prescott nicht für ausgeschlossen. Doch er gibt zu bedenken, dass es dem König bislang einigermaßen gut gelungen ist, Schaden von sich abzuwenden. Charles habe den Eindruck erweckt, gut mit der Sache umgegangen zu sein, in dem er Andrew seine Titel aberkannte und ihn aus dem luxuriösen Anwesen Royal Lodge hinauskomplimentierte.

Mitgefühl mit König Charles dominiert

„Ich denke, die Menschen haben eine Menge Mitgefühl für den König und die Situation, in der er sich befindet“, so Prescott. So gelte es als weithin anerkannt, dass Charles sich gegen die Rolle seines Bruders als Handelsbeauftragter der Regierung ausgesprochen habe. Der Verdacht, Andrew könne in dieser Position vertrauliche Informationen an Epstein weitergegeben haben, brachte die Ermittlungen gegen ihn ins Rollen.

Der nächste Schritt könnte nun sein, dass Andrew aus der Thronfolge ausgeschlossen wird. Dort nimmt er immerhin noch den achten Rang ein. Weil der britische Monarch jedoch nicht nur britisches Staatsoberhaupt ist, sondern auch an der Spitze von 14 weiteren Commonwealth-Nationen steht, ist dafür die Zustimmung aus allen diesen Ländern notwendig. Australien und Neuseeland signalisierten bereits die Bereitschaft, hier mitzuziehen.

Karibische Staaten hadern mit der Monarchie

Sorgen bereiten dürften dem Palast jedoch vor allem karibische Staaten, die bereits mit der Staatsform der Monarchie hadern. Barbados kappte die Verbindung zur ehemaligen Kolonialmacht im Jahr 2021 und wurde zur Republik. Ähnliche Bestrebungen gibt es auch in Jamaika. Anstatt ein Gesetz zu verabschieden, das nur Andrew aus der Thronfolge streicht, könnten diese Staaten gleich ganz mit der Monarchie brechen, glaubt Prescott.

Der Experte geht auch davon aus, dass der Fall Andrew die ohnehin geplante Verkleinerung des britischen Königshauses beschleunigen könnte. „Ist da wirklich noch ein Appetit für eine royale Großfamilie?“, fragt Prescott und liefert gleich die Antwort: Er könne sich vorstellen, dass als Konsequenz auf die Andrew-Affäre etwa die Zweitgeborene des derzeitigen Thronfolgers William, Prinzessin Charlotte (10), künftig einmal keine royalen Aufgaben mehr übernehmen werde.

Mittlerweile wird auch die Rolle der verstorbenen Queen diskutiert.
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Schatten auf dem Vermächtnis Elizabeth II.

Auch in der Rückschau hinterlässt die Andrew-Affäre einen bitteren Geschmack, denn letztlich war es seine Mutter, die es versäumt hatte, Andrew in die Schranken zu weisen. „Unsere Sicht auf Queen Elizabeth war, dass sie eine ziemlich makellose Monarchin war“, sagt Prescott. Doch der Andrew-Skandal hinterlasse einen dunklen Fleck auf ihrem Vermächtnis, der in künftigen Biografien Niederschlag finden werde. (dpa, TT)