Den richtigen Lehrberuf finden heißt, sich selbst finden
Die große Auswahl an Möglichkeiten kann Jugendliche bei der Berufswahl überfordern.
An die 180 Lehrberufe gibt es in Tirol. Um im Dschungel der Angebote den richtigen Weg zu finden, sollten sich Jugendliche früh mit ihren Interessen und Fähigkeiten beschäftigen, rät Markus Abart, Teamleiter im Bildungsconsulting der Wirtschaftskammer Tirol. „Ich sollte mir bewusst machen, was mir Spaß macht, wo meine Stärken liegen, und in welchem Bereich ich vielleicht sogar besser bin als andere.“ Dann könne man genauer schauen, welche geeigneten Lehrberufe und Ausbildungen in Frage kommen könnten. „Es gibt in den dritten und vierten Klassen den Berufsorientierungs-Unterricht. Da können wir den jungen Menschen zeigen, welche Möglichkeiten es gibt und wie sich einzelne Berufe und Tätigkeiten in den letzten Jahren entwickelt haben.“
Das Bildungsconsulting der WK Tirol bietet dafür den Schulen unter anderem kostenlos die „Berufs-Safari“ an. Dabei können Schülerinnen und Schüler über mehrere Stunden in verschiedene Berufsbereiche hineinschnuppern. „Entscheidend ist, dass sie Tätigkeiten wirklich selbst ausprobieren können – etwa eine Mauer bauen, ein virtuelles Schweißgerät bedienen oder in der Küche arbeiten.“ Das sei wesentlich effektiver, als Informationen nur über Videos oder Broschüren vermittelt zu bekommen. Noch mehr Praxis bieten die berufspraktischen Tage direkt in den Unternehmen. „Dieser Einblick ins Berufsleben ist für die Jugendlichen extrem wertvoll – aber natürlich auch für die Unternehmen, die dabei potenzielle neue Lehrlinge kennenlernen können“, betont Abart.
Keine Angst vor Entscheidung
Manche Menschen wissen schon von klein auf, was sie später werden möchten und für welche Tätigkeiten ihr Herz schlägt. Andere wiederum haben größere Schwierigkeiten, den für sie richtigen Berufsweg zu finden. Für Jugendliche ab der 8. Schulstufe und deren Eltern gibt es das kostenlose Angebot der „Talent-Card“. Abart: „Dabei handelt es sich um eine Berufsberatung mit psychologischen Tests, die Interessen und Stärken sichtbar machen und Anhaltspunkte geben, in welche Richtung es nach der Schule gehen könnte.“ Die Testung erfolgt teilweise direkt in den Schulen, die Beratung findet über Online-Tools statt.
Zwar sei die Wahl des Lehrberufs eine wichtige Entscheidung für das weitere (Arbeits-)Leben. Doch Abart möchte den Jugendlichen und Eltern ein wenig die Angst davor nehmen. „Den klassischen Karrierepfad gibt es heute nur noch selten“, sagt der Experte. „Es wird wenige geben, die jetzt als Jugendliche in einem Beruf starten und bis zu ihrer Pension in genau diesem Bereich bleiben werden.“ Auf dem Berufsweg gebe es immer mehr Kurven und Abzweigungen. Dank des „durchlässigen“ Bildungssystems verbaue man sich nichts, sollte sich die erste Entscheidung als nicht ganz richtig herausstellen. „Man kann an die Lehre die Matura und ein Studium anschließen – oder umgekehrt auch nach Matura oder Studium eine Lehre beginnen.“ Wo Interessen und Stärken bestehen, gibt es auch Bildungswege. (malu)
Informationen
Toll aufbereitete Infos zu Berufen, Ausbildungsmöglichkeiten, Jobs und Unternehmen findet man auf www.berufsreise.at
„Die Lehre ist absolut zukunftsfit“
Gerade die heutige Arbeitswelt mit neuen Technologien, KI und Automatisierung braucht dringend top-ausgebildete Fachkräfte.
Man könnte angesichts des aktuellen Hypes um Künstliche Intelligenz den Eindruck gewinnen, die menschliche Arbeitskraft wäre bald nicht mehr notwendig. Doch David Narr, Fachkräftekoordinator bei der WK Tirol, kontert. Die Lehrberufe würden nicht ersetzt, „sondern passen sich an – und bleiben so unverzichtbar“.
Was bedeuten die neuen digitalen Werkzeuge, Automatisierung und KI für die Lehrberufe?
David Narr: Digitale Werkzeuge werden in der Fachberufslehre vielfältig eingesetzt: in der Planung, Produktion, Organisation, Dokumentation, Kalkulation oder Kundenkommunikation. Das betrifft technische, kaufmännische und auch viele handwerkliche Lehrberufe. Die Lehre bleibt praxisnah und menschlich, wird aber dort digitaler, wo es sinnvoll ist. Die KI etwa hat keine Hände. Sie kann unterstützen und vorbereiten, aber nicht auf der Baustelle entscheiden oder Probleme vor Ort lösen. Diese Kombination macht die Lehre absolut zukunftsfit. Digitalisierung, Modernisierungen und grüne Technologien brauchen Menschen, die an Maschinen, bei den Themen Energie, Versorgung und Handwerk kundig sind. Die Lehre passt sich an: mit neuen Berufen, brandaktueller Technik und digitalen Tools in den Werkstätten.
Welche Türen öffnet ein Lehrabschluss in der modernen Arbeitswelt?
Narr: Wer einen Beruf von der Pike auf lernt, sammelt Praxis, übernimmt Verantwortung und oft schon früh Führungsaufgaben. Viele Lehrlinge machen sich selbstständig, übernehmen Betriebe oder steigen über die Meisterprüfung und zusätzliche Ausbildungsmodule bis in Führungspositionen auf. Und: Die Lehre vermittelt genau jene Kompetenzen, die am Markt gebraucht werden – jetzt und in Zukunft. „Können“ heißt nicht nur Theorie. Lehrlinge arbeiten vom ersten Tag an im Betrieb, übernehmen Verantwortung, treffen Entscheidungen und lernen, mit Kunden und Kollegen umzugehen. Das ist Praxiswissen in Reinform – und das ist oft schwerer zu ersetzen als bloße Theorie.
Ist die Lehre zukunftsfähig? Gibt es neue spannende Lehrberufe?
Narr: Die Fachberufslehre ist modern – fachlich wie organisatorisch. Hochvolt-Antriebe, Automatisierungstechnik, Künstliche Intelligenz oder Medizingerätetechnik sind heute fixer Bestandteil vieler Lehrberufe. Auch die Vermittlung hat sich verändert: Tablets, digitale Lernplattformen, Apps und Online-Tests gehören längst dazu. Green Jobs sind ein gutes Beispiel: Klimaschutz, Energiewende und Nachhaltigkeit brauchen gut ausgebildete Fachkräfte – und genau hier punktet die Fachberufslehre.
Das Gespräch führte Martin Lugger