Das Rad dreht sich weiter – und die neue Richtung stimmt
Vom gekündigten Topmanager zum Lehrling und weiter zum Unternehmer mit eigener Radwerkstatt: Auch mit Mitte 50 kann man gut umsatteln.
Ausgemustert mit 55, nach 28 Jahren im Kristallkonzern, zuletzt in der Produktionsleitung für alle Standorte weltweit. Natürlich war das für Alexander Pranter zunächst ein Schock. Den er aber rasch wegsteckte: von 60 Stunden auf null, plötzlich Zeit zum Radfahren und für den Enkel. „Mir wurde schnell klar: So stressbeladen wie bisher will ich nicht mehr sein.“
Der Sozialplan, sagt er, sei fair gewesen. Das verschaffte ihm Luft für die Neuorientierung. Unternehmensberater wollte er nicht werden. Eine Ausbildung zum Förster hätte ihn interessiert, war aber nicht mehr möglich. „Dann bin ich bald beim Handwerk gelandet.“ Für den passionierten Mountainbiker bot sich die Lehre zum Fahrradmechatroniker an, dank der HTL-Matura in verkürzter Form: Zwei Jahre Berufsschule und ein Jahr Praxiszeiten lautete die Abmachung mit der Arbeitsstiftung, die Ausbildung und Arbeitslosengeld bezahlt. Die größte Herausforderung für den heute 56-Jährigen war es, nach Jahrzehnten wieder die Schulbank zu drücken. Die jungen Kameraden hatten ihm da ein Jahr voraus. Sie halfen aber bereitwillig – vor allem im praktischen Teil. „Dafür konnte ich sie in Mathematik unterstützen.“ Auch die Lehrer seien alle jünger gewesen, „aber brutal nett“. Eine weitere Umstellung waren die Praktika, die Pranter im Bike Point von Tom Siller in Wattens bzw. Innsbruck machen kann: „Früher saß ich in Meetings und Telefonkonferenzen. Jetzt arbeite ich so vor mich hin und stehe den ganzen Tag. Am Anfang hatte ich schon viel Kreuzweh“, gesteht er lachend.
Die Entscheidung für die Lehre war aber keine Notlösung, betont Pranter. Er hatte sogar wieder Angebote im Management. Den Weg wählte er bewusst und mit Blick auf die Work-Life-Balance. „Die Selbstständigkeit ist dabei immer schon mitgeschwungen.“ Im Juli macht Pranter seine Lehrabschlussprüfung, dann startet er als sein eigener Herr durch: Der Businessplan war ein Klacks, seine Radwerkstatt auf dem väterlichen Hof in Wattens ist dank der Hilfe von Kollegen bereits eingerichtet. „Kein Handel“, betont er, das sei zu viel finanzieller Stress. So starte er kreditfrei und könne auch einmal „am Abend schrauben und am Vormittag eine Tour machen“.
Zu den Erfahrungen mit dem etwa gleichaltrigen Lehrling befragt, bilanziert auch Lehrherr Tom Siller eindeutig positiv: „Ich würde das wieder machen!“ Auch die neue Konkurrenz sieht er entspannt. Der Markt gebe das her: Fahrräder boomen, Strom und Elektronik machen sie immer komplexer. Außerdem ist das keine Einbahnstraße: Siller und Pranter planen Kooperationen, etwa bei Lagerflächen. Der Ex-Manager tüftelt zudem an Lösungen, um die saisonalen Spitzen im Radservice zu entschärfen und Arbeit in den Winter zu verlagern. „Vielleicht geht das ja mit einem Lieferservice.“ (er)