„Dein Wille, nicht die Matura, entscheidet“
Wer vom Weg abkommt, lernt die Gegend kennen: Alexander Gartner etablierte sich vom Aussteiger zum Experten für individuelle Brillen.
Wie sagt man so schön: Wenn das Leben eine Türe schließt, öffnet es ein Fenster. Oder ein ausladendes zweiflügeliges Tor – wie im Fall von Alexander Gartner. Er war gerade 16 Jahre alt, als er von der Schule flog. Ein jugendlicher Arbeitsloser. Der optimale Start in die Berufswelt sieht anders aus.
„Horrorjob“ Optiker
„Ich war gezwungen, mich neu zu orientieren, und absolvierte einen Schnupperkurs beim Optiker“, erinnert sich der Tulfer. Nach zwei Wochen war er der Meinung, dass er nie – niemals – Optiker werden würde: „Die Gesellin gab mir nur Jobs, die sie nicht umsetzen wollte – wie das Schleifen so genannter Formscheiben. Nach Minuten schmerzten meine Finger. Doch ich durfte den ganzen Tag nichts anderes machen.“
Nach einem kurzen Abstecher in den Praktikums-Alltag eines Zahntechnikers kam Gartner mit einem befreundeten Optiker ins Gespräch, der dem heute 48-Jährigen anbot, einen zweiten Praktikumsversuch bei ihm zu absolvieren.
Und siehe da – Tage später war die Überzeugungsarbeit für diesen Lehrberuf gemacht: „Er ließ mich all die angenehmen Facetten des Jobs ausprobieren – Brillen anpassen, reparieren, Gläser schleifen. Abends musste ich regelrecht angespornt werden, heimzugehen.“
Traumberuf Optiker
Obwohl dem Jugendlichen bereits damals eine Karriere als Profi-Fußballspieler winkte, entschied er sich, den Weg des Optikers einzuschlagen. Mit durchschlagendem Erfolg: „Ich bin der größte Hersteller individueller Brillen österreichweit, in zwei Jahren vermutlich europaweit.“ Während ein normaler Individualfertiger 20 bis 70 Brillen pro Jahr herstellt, finalisiert Gartner 20 pro Tag!
Brillen „von der Stange“ missfielen ihm nämlich, weil sie dem Gesicht des Trägers oft nicht schmeicheln – mal sind sie zu schlank, zu breit oder in einer unpassenden Farbe.
Die Königsklasse
Der Weg zu dieser herausragenden Position nagte allerdings am Nervenkostüm des Familienvaters: „Meine Brillenrahmen bestehen zu 97 Prozent aus Acetatfasern, einem Baumwollgemisch. In den 3,2 Millimeter schlanken Bügel muss eine 1,2 Millimeter breite, 14 Zentimeter lange Nadel geschossen werden.“ Um diese widerspenstigen Stabilisatoren des Rahmens, die stets den Weg des geringsten Widerstands wählen, zu platzieren, begann Gartner eine eigene Maschine zu entwickeln. Zehn Monate und 2500 verschossene Testnadeln später war diese einsatzbereit. Nun galt es, ansprechende Designs zu entwickeln: „Wenn ich eine Kollektion von Prada, Chanel und Co. sehe, ahne ich bereits, ob die bei meinen Kunden gut ankommt.“ Davon inspiriert, entwickelt Gartner Modelle, die man in seiner Filiale in der Innsbrucker Riesengasse anprobieren kann: „Wird ein Kunde fündig, fertige ich dessen Einzelstück an.“
398 Euro pro Modell
Klingt kostspieliger, als es ist: „So eine Maßanfertigung kostet 398 Euro.“ Kunden könnten sogar ein Modell kreieren, das er dann umsetzt – die Königsklasse der Individualität.
Nach gut 30 Jahren in der Branche – er führt das 1897 gegründete Optikergeschäft Hopffer in vierter Generation – schwingt in Gartners Stimme nach wie vor ungebremste Begeisterung für seinen Lehrberuf mit: „Nicht die Matura verhilft dir dazu, etwas aus dir zu machen, sondern der Wille, etwas gut zu machen.“
Darum hadert er mit dem Trend, Kinder höchstmöglich auszubilden, um den Idealen der Eltern gerecht zu werden: „Ich habe erst mit 23 Jahren, nach der Ausbildung zum Meister und als ich das Unternehmen längst übernommen hatte, Optometrie studiert. Man kann auch mit einer Lehre zum Chef werden.“ (sam)