„Schönheit und Skandal“: Wiener Festwochen werden 75 und eine göttliche Republik
Krieg, Glauben, Rituale: Mit 35 Produktionen, prominenten Namen und deutlichen politischen Akzenten hat Intendant Milo Rau das Programm der Wiener Festwochen 2026 vorgestellt. Festivalzentrale wird das „Haus der Republik“ am Donaukanal.
Wien – Am Badeschiff am Wiener Donaukanal, dort, wo von 15. Mai bis 21. Juni das „Haus der Republik“ als Festivalzentrale dienen wird, präsentierte Milo Rau am Donnerstag das Programm der Wiener Festwochen. Es sei, so der Intendant, „ein Programm, das mehrere Festivals füllen könnte“.
Tatsächlich umfasst die Jubiläumsausgabe zum 75-jährigen Bestehen 35 Produktionen, darunter 13 Uraufführungen und acht Eigenproduktionen.
Über dem Festival steht heuer der Titel „Republic of Gods“– und damit eine thematische Klammer, die Krieg, Glauben und die Frage nach zeitgenössischen Ritualen verbindet. „Welche Rituale können uns in einer Welt in Zeiten des Krieges noch vereinen?“, fragte Rau zum Auftakt.
Ein „Präzedenzfall“
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Diese Frage bekam gleich eine eindringliche szenische Antwort: Die ukrainische Künstlerin Marichka Shtyrbulova vom Kiewer Kollektiv Opera Aperta eröffnete die Pressekonferenz mit einem Wiegenlied, gespielt auf einer russischen Rakete, die zu einer Art Cello umfunktioniert war.
Vom 1. bis 3. Juni ist das multidisziplinäre Musiktheaterprojekt „Songs of Winter War“ im Theater Akzent zu sehen – eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie Oper unter Kriegsbedingungen möglich ist.
Feiern am Rand des Abgrunds
Ebenfalls dem Krieg widmet sich „The Day Before“, eine Musiktheaterproduktion von Brigitta Muntendorf und Christiane Jatahy, die von 16. bis 18. Mai im Odeon gezeigt wird. Im Zentrum steht das Feiern „am Rande des Abgrunds“ – jene Momente, in denen Kunst, Geschichte und Eskapismus ineinandergreifen. Ausgehend von Homers „Ilias“ verbindet die Produktion 3D-Audio, Live-Kameras und zeitgenössische feministische Perspektiven zu einer Analyse moderner Kriegstreiberei.
Das Zusammenspiel von Macht, Tod und Musik untersuchen Lina Majdalanie und Rabih Mroué in „Das tragische Schicksal der Sonate Nr. 2“, einer Koproduktion mit dem Volkstheater Wien, die ab 15. Mai zu sehen ist. Ausgangspunkt ist die irritierende Beobachtung, dass Chopins „Marche funèbre“ bei politischen Machtinszenierungen und Staatsbegräbnissen erklingt – zuletzt auch bei der Beerdigung des Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah. Die Frage, die daraus erwächst: Wird in solchen Momenten nicht die Musik selbst beerdigt?
„Parsifal“ als Schlingensief-Hommage
Eine zentrale Position im Programm nimmt Susanne Kennedys Inszenierung von Wagners „Parsifal“ ein, die ab 15. Juni in der Halle E gezeigt wird. Gemeinsam mit dem Künstler Markus Selg entwickelt Kennedy eine Opernarbeit, die explizit auf Christoph Schlingensief Bezug nimmt, dem die Festwochen im MAK eine Retrospektive widmen.
Kennedy erinnerte daran, wie sehr sie Schlingensiefs „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ geprägt habe. Dessen Hadern mit Gott sei für sie eine Initialzündung gewesen. „Ich hatte schon immer Sehnsucht nach dem Ritual auf der Bühne“, sagte die Regisseurin über ihr Operndebüt.
Große Namen, breite Palette
Zu den weiteren Höhepunkten zählen ein Patti-Smith-Schwerpunkt, Arbeiten von Romeo Castellucci, Angélica Liddell und Florentina Holzinger, Milo Raus Collage„Das beste Stück aller Zeiten“ sowie die posthum eingeladene letzte Inszenierung des im vergangenen Jahr verstorbenen Jahrhundert-Regisseurs Robert Wilson, Shakespeares „The Tempest“ im Burgtheater.
Diskursiv ergänzt wird das Programm durch ein „Glaubenstribunal“, in dem Wissenschafter:innen, religiöse Würdenträger:innen und Gläubige über die Rolle von Religionen und Kultobjekten im globalen Kapitalismus diskutieren.
Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler erinnerte an die Gründung der Festwochen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und an deren Anspruch, Wien mit der Welt zu vernetzen und zugleich nahe an der Bevölkerung zu bleiben. Rau selbst zeigte sich „mit einer Art von Demut erfüllt“ angesichts der Geschichte des Festivals – und verwies auch auf dessen konfliktreiche Tradition.
„Skandal und Schönheit sind zwei Schwestern, die bei der Geburt getrennt wurden“, sagte der Intendant, „und nur bei den Festwochen kommen sie wieder zusammen.“ (APA, TT)
Weiter Informationen
Wiener Festwochen. 15. Mai bis 21. Juni 2026.Tickets und Programm: www.festwochen.at