Vor weiterer Krisensitzung

Berlinale-Chefin bleibt und zieht rote Linie: „Unabhängigkeit ist nicht verhandelbar“

Tricia Tuttle ist seit 2024 Intendantin der Berlinale – und will es auch weiterhin bleiben.
© IMAGO/Rouzbeh Fouladi

Nach Tagen der Ungewissheit beendet Tricia Tuttle die Spekulationen: Sie will Intendantin der Berlinale bleiben. Sie knüpft ihre Zukunft an eine grundsätzliche Bedingung: die institutionelle Freiheit der Kunst.

Nach den öffentlichen Debatten der vergangenen Tage hat Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle ihre Bereitschaft erklärt, im Amt zu bleiben. „Ich bin sehr stolz auf mein Team und das Festival und möchte die gemeinsam begonnene Arbeit in vollem Vertrauen und mit institutioneller Unabhängigkeit fortsetzen“, sagte die 55-jährige US-Amerikanerin der Deutschen Presse-Agentur. Sie leitet die Berlinale seit 2024.

Vor einer weiteren Krisensitzung zur Zukunft des renommierten Filmfestivals am Mittwoch im Kanzleramt ist das eine klare Ansage. Auch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) gibt sich zuversichtlich: „Wir sind auf einem guten Weg, die Berlinale zukunftsfest aufzustellen“.

Doch ist die Kontroverse um das mit Steuergeld geförderte Festival, um Kunstfreiheit und die Grenzen staatlichen Einflusses damit tatsächlich beendet?

Die Vorgeschichte

Auslöser der Debatte waren Ereignisse während der diesjährigen Berlinale. Filmschaffende kritisierten, die Festivalleitung habe sich im Gaza-Krieg nicht eindeutig genug an die Seite der Palästinenser gestellt. Bei der Abschlussgala warf der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib der Bundesregierung vor, Partner „des Völkermords im Gazastreifen“ zu sein. Israels Regierung weist den Vorwurf entschieden zurück, ebenso die Bundesregierung.

Umweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ die Gala aus Protest. Auch Weimer und Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) verurteilten die Aussagen öffentlich.

Berichte über Abberufung

Wenige Tage später berichtete die Bild, Tuttle solle als Intendantin abberufen werden. Dies löste deutliche Reaktionen in der Kulturszene aus, zahlreiche Kulturschaffende solidarisierten sich mit der Festivalchefin. Weimer sagte daraufhin am Wochenende der Rheinischen Post, Tuttle habe ihre Zukunft bei der Berlinale selbst infrage gestellt und von einer „vergifteten Atmosphäre“ gesprochen.

Tricia Tuttles Position

Tuttle selbst schwieg zunächst, äußerte sich nun aber ausführlich in einem dpa-Interview. Sie habe sich gefragt, ob sie weiter effektiv arbeiten könne, „in einem Umfeld, in dem meine Führungsrolle und die Integrität der Berlinale öffentlich ernsthaft in Zweifel gezogen wurden“. Mit Weimer habe sie „die Möglichkeit meiner einvernehmlichen Kündigung“ erörtert.

Noch bevor diese Gespräche vollständig abgeschlossen gewesen seien, sei in der Presse jedoch bereits über eine Aufsichtsratssitzung berichtet worden, in der über die Zukunft der Berlinale beraten werden sollte, fügte Tuttle hinzu.

Rückhalt aus der Kulturszene

Die Reaktionen aus der Kulturszene seien für sie von großer Bedeutung gewesen. „Die breite Resonanz unterstrich, dass es in der Debatte nicht um eine einzelne Preisverleihung, eine Festivalwoche oder eine Person ging, sondern um das grundsätzliche Prinzip, dass kulturelle Einrichtungen darauf vertrauen können müssen, innerhalb demokratischer und rechtlicher Rahmenbedingungen agieren zu können“, sagte Tuttle. Das sei „eine starke Botschaft“ gewesen und habe „meine eigene Klarheit nach einigen schwierigen Wochen wiederhergestellt“.

Unabhängigkeit und Verantwortung

Tuttles Aussagen lassen erkennen, dass sie selbst gezögert hatte, sich letztlich aber durch den Rückhalt bestätigt fühlte. Zugleich machte sie deutlich, dass sie sich bei der Führung des Festivals auch künftig nicht politisch vereinnahmen lassen will.

Zwar sei die Berlinale rechenschaftspflichtig für die öffentlichen Mittel, die rund 40 Prozent des Budgets ausmachen. Diese Rechenschaftspflicht umfasse Transparenz, gute Führung der Organisation und wirtschaftliche Effizienz. Zugleich sei das Festival ein bedeutender Wirtschaftsfaktor mit einem geschätzten wirtschaftlichen Gesamteffekt von rund 100 Millionen Euro.

Kunstfreiheit und Meinungsäußerung

„Ein gesunder Dialog mit unseren Stakeholdern darüber ist unerlässlich“, sagte Tuttle. „Aber ebenso wichtig ist die Unabhängigkeit in der Programmgestaltung und der institutionellen Leitung.“ Sie gehe davon aus, dass darüber Einigkeit mit Partnern und Fördergebern bestehe.

Auf die Frage nach den Grenzen der Meinungsfreiheit auf der Berlinale-Bühne verwies Tuttle auf den geltenden gesetzlichen Rahmen. Man lebe in einer hoch polarisierten Welt, Emotionen kochten bisweilen hoch. Es sei legitim, mit geäußerten Positionen nicht einverstanden zu sein. Solche Meinungsverschiedenheiten dürften jedoch nicht zu institutionellen Krisen oder neuen Richtlinien führen.

Haltung der Bundesregierung

In die Debatte hatte sich auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) eingeschaltet. Über seinen Sprecher Sebastian Hille ließ er erklären, Vorwürfe müssten ausgeräumt, gegenseitige Unterstellungen unterlassen werden. Es gehe nicht um Eingriffe in die Kunstfreiheit.

Zugleich müsse jedoch geklärt werden, „was soll und darf auf der Bühne der Berlinale stattfinden“. Aussagen, die der Bundesregierung eine Beteiligung an einem Völkermord unterstellten oder Drohungen beinhalteten, sollten dort keinen Platz haben. (dpa, TT)

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