Fehlverhalten steht im Raum: ORF-Generaldirektor Roland Weißmann zurückgetreten
ORF-Chef Roland Weißmann hat mit „sofortiger Wirkung“ sein Amt zurückgelegt. Grund dafür sind Vorwürfe von Fehlverhalten durch eine Mitarbeiterin. Weißmann bestreitet die Anschuldigungen vehement, spricht von einer „überschießenden Reaktion“ und kündigt über seinen Anwalt rechtliche Schritte an. Als interimistische Nachfolgerin wurde Radiodirektorin Ingrid Thurnher bestellt.
Wien – ORF-Generaldirektor Roland Weißmann hat am Sonntag Stiftungsratsvorsitzenden Heinz Lederer und den Stellvertretenden Vorsitzenden Gregor Schütze über seinen Rücktritt von seiner Funktion mit „sofortiger Wirkung“ informiert. Dies wurde am Montag in einer Aussendung der beiden ORF-Stiftungsräte bekannt gegeben. In den vergangenen Tagen hat eine ORF-Mitarbeiterin gegenüber dem Generaldirektor Fehlverhalten-Vorwürfe erhoben. Roland Weißmann bestreitet das – und kündigt über seinen Anwalt rechtliche Schritte an.
„Meinem Mandanten liegt bis heute der von der Mitarbeiterin genau vorgebrachte Sachverhalt nicht vor, dennoch war er, um Schaden vom Unternehmen abzuwenden, zu weitreichenden Zugeständnissen bereit und trat daher mit sofortiger Wirkung von seiner Funktion als Generaldirektor zurück“, lässt Weißmanns Anwalt Oliver Scherbaum via Aussendung mitteilen. Die „mediale Verbreitung der in keinster Weise aufgeklärten Vorwürfe“ stelle eine „völlig unangemessene und überschießende Reaktion“ dar. Der Anwalt kündigte rechtliche Schritte an.
Roland Weißmanns Karriere im ORF
Roland Weißmann, am 16. März 1968 in Linz geboren, war nach dem Publizistik- und Geschichtestudium ab 1995 als Journalist im ORF-Landesstudio Niederösterreich tätig, dann Chef vom Dienst bei Ö3 und später stellvertretender Chronikressortleiter in der ORF-Radioinformation. 2003 wurde er stellvertretender Chefredakteur von Radio Niederösterreich.
2010 ging er als Büroleiter in der ORF-Finanzdirektion, wo er zwei Jahre später „Chef Producer“ wurde. Ab 2017 war er zudem Vizefinanzdirektor, ab 2020 dann der Geschäftsführer des Online-Portals ORF.at. Zum Generaldirektor wurde Weißmann am 10. August 2021 gewählt.
Weißmann sei vom Stiftungsrat darüber in Kenntnis gesetzt worden, „dass ihm von einer Mitarbeiterin unangemessenes Verhalten zu Beginn seiner Amtszeit als Generaldirektor (2022) vorgeworfen wird“, hieß es im Anwaltsschreiben. Ihm sei seitens des Stiftungsrates eine Frist von wenigen Tagen eingeräumt worden, um seinen Rücktritt zu erklären, „obwohl mein Mandant die Vorwürfe bestritten hat und eine inhaltliche Überprüfung der Vorwürfe nicht erfolgte“.
Lederer: Betroffene Person schützen
Lederer habe Weißmann, unmittelbar nachdem er Kenntnis von den Vorwürfen erhalten habe, ersucht, sich in anwaltliche Beratung zu begeben und eine Klärung herbeizuführen, so der Stiftungsratsvorsitzende gegenüber der APA. Gegenüber dem Ö1-Mittagsjournal sagte Lederer, dass ihm „Schrift-, Ton- und Bildmaterial gezeigt wurden, die den Vorwurf darstellen lassen“. Sonntagvormittag habe er dann Weißmanns Rücktritt erhalten, derzeit sei Weißmann beurlaubt. Außerdem habe er „alles eingeleitet, was das Arbeitsrecht hergibt, damit die betroffene Person geschützt ist und ihr kein Schaden entsteht“.
Stiftungsrat: „rasche Aufklärung“ nötig
Der im Raum stehende Vorwurf verlange „eine rasche und transparente Aufklärung in enger Kooperation mit der ORF-Compliance-Stelle“, bei der die Wahrung des Schutzes der betroffenen Person das oberste Ziel sein müsse, so Lederer und sein Stellvertreter Gregor Schütze. ORF-Radiodirektorin Ingrid Thurnher übernimmt interimistisch die Unternehmensführung.
Die Sitzungen des Stiftungsrats in dieser Woche werden wie geplant stattfinden. Bereits in der Plenarsitzung am Donnerstag soll Thurnher auf Vorschlag von Schütze und Lederer mit der vorläufigen Führung der Geschäfte beauftragt werden.
Sie werde den ORF „aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung in leitenden redaktionellen Funktionen und nun seit mehr als vier Jahren im Direktorium hervorragend führen“.
Wahl des neuen Direktorats im Sommer
„Es ist die Verantwortung des ORF-Stiftungsrats, nun rasch die nötigen Schritte zu setzen, damit die erhobenen Vorwürfe transparent und mit aller Konsequenz aufgeklärt werden können und die reibungslose Fortführung der Geschäftsführung garantiert ist. Mit der von uns als Generaldirektorin vorgeschlagenen Ingrid Thurnher ist dies sichergestellt“, betonte Stiftungsratsvorsitzender Lederer. „Mit der entschiedenen Vorgangsweise zeigt der ORF-Stiftungsrat, dass er auch in schwierigen Momenten eine ruhige Hand bewahrt“, ergänzte sein Stellvertreter Schütze.
Ingrid Thurnher: ORF-Generalin auf Zeit
Undankbare Aufgaben hat Ingrid Thurnher selten gescheut. 1997 ließ sie sich – damals noch staatstragende ZiB-2-Präsentatorin – von Komiker Otto Waalkes beinahe das ORF-Nachrichtenstudio zerlegen. Nun übernimmt sie – interimistisch – die Führung des mit Abstand größten Medienunternehmen des Landes. Die gebürtige Voralbergerin, Jahrgang 1962, arbeitet seit 1985 für die ORF.
Sie war TV-Ansagerin, Redakteurin in Niederösterreich, berichtete fürs Radio über Innenpolitik und bis 2016 Hauptmoderatorin von „Im Zentrum“. Dann wurde sie Chefredakteurin von ORF III, 2022 machte sie Generaldirektor Roland Weißmann, dem sie nun überraschend nachfolgt, zur öffentlich-rechtlichen Radiodirektorin. (TT)
Am Fahrplan für die Neubestellung der ORF-Geschäftsführung für die Periode ab 1. Jänner 2027 ändert sich nichts, wurde betont. Die Ausschreibung zur Wahl der Generalintendanz soll ab 1. Mai erfolgen. Gewählt wird am 11. August. Weißmann galt bisher als Favorit.
Babler wünscht sich Generaldirektorin als Nachfolge
Die Politik hat den Rücktritt von ORF-Chef Roland Weißmann nach Bekanntwerden der Vorwürfe mehrheitlich als nötige Konsequenz begrüßt und Transparenz bei der Nachbesetzung gefordert. „Ein notwendiger Schritt, damit das hohe Ansehen des ORF keinen Schaden nimmt“, meinte Medienminister Andreas Babler (SPÖ). Die Entscheidung über die Nachfolge sei Sache des Stiftungsrats, aber: Dem ORF und der Gesellschaft „täte es gut, wäre die Nachfolge eine Generaldirektorin“, so Babler.
„Wir müssen als Gesellschaft Sexismus und der strukturellen Benachteiligung von Frauen entschieden entgegenwirken. Das gilt auch und insbesondere für den ORF“, so Babler am Montag in einer Stellungnahme. Mit Ingrid Thurnher übernehme eine überaus erfahrene und höchst kompetente Medienmanagerin die Führung des Unternehmens, meinte SPÖ-Mediensprecher Klaus Seltenheim. Im nächsten Schritt gehe es um einen transparenten Prozess der Neubestellung einer ORF-Generaldirektorin bzw. eines ORF-Generaldirektors. (TT.com, APA)
Nach Weißmann-Rücktritt