Rätsel gelöst?

Wer ist Banksy? Immer wieder taucht derselbe Namen auf

Ein Banksy-Motiv an einem Londoner Gefängnis.
© BEN STANSALL

Ist Street-Art-Künstler Banksy enttarnt? Vor 18 Jahren schien die Sache schon einmal geklärt. Ein Name stand im Raum. Es gab zahlreiche Indizien. Vielleicht gab es sogar Beweise. Aber keinen letzten. Nun legen Journalisten nach. Und behaupten: Diesmal reicht es.

London – Kurz vor Weihnachten tauchten in London zwei neue Werke auf. Plötzlich waren sie da: nahezu identische Motive an prominenten Orten, ein Kind mit Mütze und Gummistiefeln neben einer Figur, die in den Himmel zeigt. Eine offizielle Bestätigung blieb zunächst aus – und war doch kaum nötig. Stil, Technik, Timing: Das war Banksy.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten sorgt der britische Street-Art-Künstler mit solchen Interventionen für globale Aufmerksamkeit. Seine Arbeiten erscheinen über Nacht, verschwinden wieder – und erzielen bei Auktionen Millionenbeträge. Parallel dazu hält sich ein anderes Phänomen hartnäckig: die Frage nach seiner Identität.

Ein Name, der nicht verschwindet

Immer wieder kursieren Namen, keiner ist bestätigt. Und doch kehrt einer mit bemerkenswerter Beharrlichkeit zurück.

Bereits 2008 glaubte die „Mail on Sunday“, den Mann hinter Banksy gefunden zu haben: Robin Gunningham, ein Künstler aus Bristol. Bestätigt hat Banksy das nie – dementiert allerdings auch nicht.

Auch aktuelle Recherchen greifen diese Spur wieder auf. Für den Kunsthistoriker und Street-Art-Forscher Ulrich Blanché ist das keine neue Sensation, sondern eher ein offenes Geheimnis: In der Kunstszene, sagt er, sei diese Zuschreibung seit Jahren präsent und kaum ernsthaft bestritten worden.

Ein Teil der Recherche führt in das ukrainische Dorf Horenka. Dort entstanden 2022 mehrere Banksy-Arbeiten auf kriegszerstörten Gebäuden. Zeugen berichten, zwei Männer hätten die Motive innerhalb weniger Minuten mit Schablonen gesprüht. Laut Einreisedaten sei zur fraglichen Zeit ein Mann namens David Jones gemeinsam mit dem Musiker Robert Del Naja von der Gruppe Massive Attack eingereist. Del Naja gilt seit Jahren als möglicher Weggefährte Banksys – nicht als Banksy selbst.

Und dieser David Jones – ein in Großbritannien sehr weit verbreiterer Name – soll, zu diesem Schluss jedenfalls kommen die Reuters-Reporter, soll Robin Gunningham sein. Er habe den Namen vor Jahren ändern lassen, sagt Banksys früherer Manager Steve Lazarides.

Banksys Anwalt widerspricht Teilen der Reuters-Recherche. Viele Details seien „nicht zutreffend“. Vor allem aber stellt er die Frage nach dem Sinn solcher Enthüllungen: Die Anonymität schütze den Künstler – vor Bedrohung, vor Verfolgung, vor politischem Druck.

Die Strategie der Unsichtbarkeit

Es stellt sich weniger die Frage, wer Banksy ist, sondern ob es überhaupt entscheidend ist. Seine Anonymität ist längst Teil des Werks geworden – vielleicht sogar dessen zentraler Motor. „Banksys Anonymität ist sein größtes Kunstwerk“, sagt Kunsthistoriker Blanché. Der Künstler entziehe sich konsequent der Personalisierung und lenke den Blick auf das Bild selbst.

Ein Prinzip, das auch ökonomisch funktioniert. Banksy ist Popstar – ohne sich je als solcher zu inszenieren. Millionen folgen ihm in sozialen Netzwerken, seine Werke werden zu global zirkulierenden Bildern, vervielfältigt durch Touristen, geteilt, nachgestellt. Die berühmte Selbstzerstörung von „Girl with Balloon“, das sich nach einer Auktion teilweise im Rahmen schredderte, wurde zum ikonischen Moment dieser Strategie: Kunst als Ereignis, als Kommentar auf den eigenen Markt. 2021 wurde seine Arbeit „Love is in the Bin“ bei Sotheby’s für 21,8 Millionen Euro versteigert.

Kunst ohne Gesicht

Auch der deutsche Graffiti-Künstler Loomit sieht darin eine bewusste Entscheidung: Banksy verzichte auf Selbstdarstellung und stelle die Kunst ins Zentrum. Die Anonymität sei dabei nicht Rückzug, sondern Methode – ein klug eingesetztes Marketinginstrument, verbunden mit Humor und Timing.

Dass diese Praxis Risiken birgt, gehört zum Konzept. Banksy arbeitet im öffentlichen Raum, oft illegal, schnell, präzise. Er hängt Werke unerlaubt in Museen, taucht verkleidet auf, interagiert mit Passanten – wie in einem Video aus der Londoner U-Bahn 2020. Sichtbar wird er dabei nie ganz.

Politik auf der Wand

Inhaltlich bleiben seine Arbeiten politisch aufgeladen. Immer wieder greifen sie aktuelle Konflikte auf. Zuletzt sorgte ein Werk nahe eines Gerichts in London für Diskussionen: Ein Richter in bedrohlicher Pose über einem Demonstranten – entstanden im Umfeld von Protesten und politischen Spannungen. Auch hier war die Reaktion Teil des Werks: Absperrungen, Entfernung, Debatte.

Das Rätsel bleibt Teil des Werks

Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Pointe. Selbst wenn Banksys Identität eines Tages zweifelsfrei geklärt wäre, bliebe sein Werk bestehen: ein vielgestaltiges Archiv der Gegenwart, flüchtig und zugleich dauerhaft wirksam. Oder, wie Blanché es formuliert: eine Kunst, die weniger von der Person lebt als von der Idee, sich ihr zu entziehen. (dpa, TT)

Mehr zum Thema:

undefined

Foto eines Werks gepostet

Neue Banksy-Graffitis ziehen Menschen in London an

undefined

Kurz nach Massenprotesten

Neues Banksy-Werk an Londoner Gerichtsgebäude aufgetaucht, wird aber entfernt

undefined

Zwei Jahre und 30.000 Euro

Dieb von Banksy-Werk zu Haftstrafe auf Bewährung verurteilt

undefined

Zwei Verdächtige

Stoppschild, verschwunden: Londoner Polizei sucht Banksys neues Werk