Ein Skandal – und ein Tiroler mit guten Preischancen: Leipziger Buchmesse gestartet
Die Leipziger Buchmesse beginnt heuer nicht nur als Literaturfest, sondern als Schauplatz des Kulturkampfs. Der Buchhandlungspreis wird nicht öffentlich vergeben. Die Leipziger Buchpreise schon. Norbert Gstrein ist nominiert.
Leipzig – Die Leipziger Buchmesse versteht sich auch als Gegenentwurf zum herbstlichen Branchenbetrieb in Frankfurt: offener, publikumsnäher, weniger Geschäft als Gespräch. Heuer beginnt sie jedoch mit einer Debatte, die weit über den Literaturbetrieb hinausweist.
Kulturpolitischer Skandal überschattet Auftakt
Auslöser ist Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. Drei linke Buchhandlungen wurden von der Liste der Ausgezeichneten gestrichen – die für Leipzig geplante Verleihung wurde daraufhin ganz abgesagt. Seither wird über Eingriffe, Zuständigkeiten und die Freiheit der Kunst gestritten. Das Ministerium begründete die Entscheidung mit „verfassungsschutzrelevanten Erkenntnissen“ – ohne diese näher auszuführen. Den betroffenen Buchhandlungen wurde zugleich mitgeteilt, die Jury habe sie nicht ausgewählt – was die Jury entschieden zurückweist. Die Aufregung darüber ist groß.
Weimer wurde zur Eröffnung erwartet. Auch eine Diskussionsrunde mit ihm über Meinungsfreiheit war angekündigt. Am Dienstagabend sagte er alle Termine ab. Deutschlands Kulturstaatsminister wird die Leipziger Buchmesse nicht besuchen. Nur zur Eröffnung kam er. Und wurde von Teilen des Publikum ausgebuht.
Zuvor hatte eine zweite Ansage des Ministers in Leipzig die Gemüter bewegt: Weimer legte den seit acht Jahren mit einem Aufwand von sieben Millionen Euro geplanten Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek überraschend auf Eis.
„Tonnenweise Porzellan zerschlagen“
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Messe auf Distanz, Zahlen stabil
Die Messe selbst bemüht sich um Distanz. Man bedauere die Absage der Preisverleihung, heißt es, habe damit aber nichts zu tun. Inhaltlich bleibt vieles beim Bewährten: Die Ausstellerzahlen liegen leicht über dem Vorjahr (2025: 2040), rund 300.000 Besucherinnen und Besucher werden erwartet.
Der erste Messetag am Donnerstag war geprägt von vollen Hallen und langen Warteschlangen.
Im Programm der Leipziger Buchmesse zeigt sich die vertraute Spannweite zwischen literarischem Anspruch und öffentlicher Aufmerksamkeit. Erwartet werden unter anderem Alice Schwarzer, Sebastian Fitzek, Robert Menasse, Sophie Passmann, Bernhard Schlink und Marc-Uwe Kling.
Wettkampf ums Überleben
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Daneben stehen Formate, die stärker auf Vermittlung setzen, etwa ein 18-stündiger Lesemarathon von Juli Zehs Roman „Unterleuten“, an dem neben der Autorin Bürgerinnen und Bürger sowie Politiker teilnehmen.
Donauraum im Fokus
Eine inhaltliche Verschiebung gibt es bei der internationalen Ausrichtung: Statt eines Gastlandes setzt die Messe heuer auf ein thematisches Modell. Unter dem Motto „Donau – Unter Strom und zwischen Welten“ rückt der Donauraum in den Fokus. Geplant sind mehrere Dutzend Veranstaltungen, die Literatur aus dieser Region zusammenführen sollen.
125 Aussteller aus Österreich sind angekündigt, rund 40 Verlage sind mit eigenen Ständen vertreten.
Österreich auch bei Preisen präsent
Auch bei den Preisen ist Österreich präsent: Der Tiroler Norbert Gstrein steht mit „Im ersten Licht“ auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse (Belletristik). Neben ihm sind Helene Bukowski, Anja Kampmann, Katerina Poladjan und Elli Unruh nominiert.
Renommierte Auszeichnung
Tiroler Autor hat Chancen auf den Leipziger Buchpreis
Am Mittwoch in Innsbruck
Gefährlich gut erzählt: Tiroler Norbert Gstrein beeindruckt mit neuem Roman
In der Kategorie Sachbuch/Essayistik finden sich unter anderem Marie-Janine Calic, Ines Geipel und die österreichische Comickünstlerin Ulli Lust, während im Bereich Übersetzung fünf Übertragungen aus dem Niederländischen, Isländischen, Spanischen, Ungarischen und Katalanischen ausgezeichnet werden könnten.
Der Preis wird in drei Kategorien vergeben und ist insgesamt mit 60.000 Euro dotiert: 15.000 Euro gehen jeweils an die Siegerinnen und Sieger, die übrigen Nominierten erhalten 1000 Euro.
Bereits am Mittwoch bekam der bosnische Schriftsteller Miljenko Jergović für „Das verrückte Herz – Sarajevo Marlboro Remastered“ den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2026 verliehen. „Mit seiner Hinwendung zu den unscheinbaren Details und Fragmenten leistet er ästhetischen Widerstand gegen die großen Vereinfachungen und die Gefahren des Nationalismus“, heißt es in der Jury-Begründung. (TT)
Mit 20.000 Euro dotiert
Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung geht an Miljenko Jergović
Literatur ist kein Pferderennen