Kulturstreit in Bregenz: Protest gegen Aus für Landestheater-Intendantin reißt nicht ab
Die Entscheidung ist gefallen, die Begründung bleibt vage – und der Protest wird lauter: Nach dem angekündigten Aus für Stephanie Gräve, die Intendantin des Vorarlberger Landestheaters, wächst der Druck auf das Land Vorarlberg. Ensemble, Kulturszene und Opposition fordern mehr Transparenz – und ein Umdenken.
Bregenz – In Vorarlbergs Kulturbetrieb will die Aufregung nicht abklingen. Seit bekannt wurde, dass der Vertrag von Landestheater-Intendantin Stephanie Gräve nach 2028 nicht verlängert wird, wächst der Unmut. Vor allem der Umgang mit der Entscheidung sorgt für Kritik – und die Frage nach den tatsächlichen Gründen bleibt unbeantwortet.
Landesrätin Barbara Schöbi-Fink (ÖVP) hatte den Schritt vergangene Woche mit dem Hinweis auf „neue Impulse“ begründet. Nach zwei erfolgreichen Perioden sei ein geeigneter Zeitpunkt für einen Wechsel gekommen. Eine frühzeitige Ausschreibung solle zudem Planungssicherheit schaffen – nicht zuletzt im Hinblick auf die anstehende Sanierung des Hauses.
Erfolgsbilanz – aber kein Vertrauensvorschuss
Dass Gräve das Theater seit 2018 stabilisiert und durch die Pandemie geführt hat, ist unbestritten. Auch offizielle Berichte der Kulturhäuser Betriebsgesellschaft (KUGes) bescheinigen ihr Erfolge: steigende Besucherzahlen, ein breites Programm, Uraufführungen regionaler Stoffe, starke Kinder- und Jugendarbeit.
Umso irritierender wirkt die zentrale Begründung des Aufsichtsrats: Für eine weitere Verlängerung über zehn Jahre hinaus hätte es einer „in jeder Hinsicht außergewöhnlich positiven Gesamtbeurteilung“ bedurft – diese habe nicht vorgelegen. Was konkret gefehlt hat, bleibt offen.
Zum Vergleich wird in der Szene auf andere Häuser verwiesen: Verträge wurden dort auch über zehn Jahre hinaus verlängert – ohne öffentlich sichtbare Vorbehalte.
Kritik als möglicher Auslöser
Hinter vorgehaltener Hand wird ein anderer Grund diskutiert: Gräves wiederholte Forderungen nach besserer finanzieller Ausstattung und einer ambitionierten Sanierung könnten politisch nicht gut angekommen sein. Auch von Spannungen mit der KUGes-Geschäftsführung ist die Rede.
Offiziell bestätigt ist das nicht. Aber die Vermutung hält sich hartnäckig – auch weil die Kommunikation des Landes als unklar und defensiv wahrgenommen wird.
Breiter Protest – auch aus dem Theater selbst
Der Widerstand gegen die Entscheidung kommt aus vielen Richtungen. Oppositionsparteien ebenso wie Vertreterinnen und Vertreter der Kulturszene kritisieren vor allem die Art der Bekanntgabe. Der Vorstand des Freundevereins des Theaters kündigte aus Protest sogar seinen Rücktritt an.
Besonders deutlich äußerte sich das Ensemble. In einem offenen Brief heißt es, Gräve sei „mehr als eine Chefin“. Sie habe stets ein offenes Ohr für Anliegen gehabt, insbesondere für Arbeitsbedingungen im künstlerischen Bereich.
Zugleich formulieren die Beschäftigten ein grundsätzliches Anliegen: mehr Einbindung in strukturelle Entscheidungen – und mehr Planungssicherheit. Die Nichtverlängerung werfe auch für sie Fragen auf: künstlerisch, organisatorisch, existenziell.
Petition und Appell an den Aufsichtsrat
Inzwischen hat sich der Protest auch ins Netz verlagert. Rund 600 Personen haben eine Petition unterzeichnet, die eine Neubewertung der Entscheidung fordert.
Das Ensemble selbst appelliert direkt an den Aufsichtsrat, die Entscheidung zu überdenken. Gerade im Hinblick auf die kommenden Jahre – mit Ausweichspielstätten und eingeschränktem Betrieb – sei Kontinuität ein nicht zu unterschätzender Faktor.
Sanierung als strukturelles Problem
Im Hintergrund des Konflikts steht ein lange ungelöstes Grundproblem: die Eigentümerstruktur des Landestheaters. Das Gebäude gehört der Stadt Bregenz, betrieben wird es vom Land über die KUGes. Die Frage, wer für die dringend nötige Sanierung aufkommt, war jahrelang umstritten.
Erst 2022 einigte man sich auf ein Modell: Rund 11 Mio. Euro sollen investiert werden, den Großteil trägt das Land. Die Bauarbeiten wurden allerdings inzwischen verschoben – aus Spargründen.
Die Folgen sind spürbar: Ab Herbst wird der Spielbetrieb ausgelagert und reduziert. Die Wiedereröffnung ist für 2027 geplant – noch unter der Leitung Gräves.
Eine Entscheidung mit Nachhall
Formal ist die Sache entschieden. Politisch und kulturell ist sie es nicht. Der Fall Gräve zeigt einmal mehr, wie sensibel Personalentscheidungen im Kulturbereich sind – und wie sehr sie von Transparenz, Kommunikation und Vertrauen abhängen.
Oder, anders gesagt: Nicht jede Entscheidung wird durch ihre Begründung getragen. Manche beginnen erst dort wirklich zu wirken, wo diese fehlt. (APA, TT)