Geistiges Erbe und Bildung am Abstellgleis
Wir haben von früheren Generationen reiche Mitgift erhalten, die wir nicht verschleudern dürfen, sondern hegen müssten – sollte man meinen. Schon vor drei Jahren hat das bayerische Kultusministerium den Dichterfürsten Goethe von der Literaturliste an Gymnasien gestrichen. Bei uns ist Latein im Weg, obwohl sich die neuen Fächer „Medienkompetenz“ und „KI“ sinnvoll integrieren ließen.
Es wird einfach negiert, dass die historische Entwicklung der deutschen Sprache eng mit dem Lateinischen – insbesondere durch die große Bildungs- und Schrifttradition des Mittelalters – verbunden ist. Wen interessiert dies schon? Dass die österreichische Schuljugend in den PISA-Studien beim Lesen besorgniserregend abschneidet, passt ins Bild, lässt aber die ministeriellen Bildungsstrategen kalt. Sie sind ja mit Stundenaustauschprogrammen ausgelastet.
Herrscht Banausentum allerorten? Geistiges, so scheint es, wird heutzutage ebenso verschrottet wie alte Dichter, Fabriken oder Kirchen, die es immerhin noch schaffen, mancherorts als Kletterhalle aufzuerstehen. Gute Bildung war stets absolutes Minderheitenprogramm, heute fragt kaum noch einer ernsthaft danach. In den klassischen Konzerten sitzen nur noch die Weißhaarigen; jüngeren Leuten in Zeiten der Rapper ein Abonnement für die Oper zu schenken, grenzt an Körperverletzung. Lyrikbände werden so karg verkauft, dass die Autoren ihre Leserschaft auch persönlich anrufen könnten.
Die klassische Bildungsreise ist komplett aus der Mode und die bewährten, kiloschweren Kunstreiseführer sind nur noch im Antiquariat zu finden. Bei Venedig, Florenz, Rom, Athen finden sich im Internet kaum noch Hinweise auf Pantheon und Parthenon, auf Dogenpalast oder Michelangelos David. Wenn es in den Uffizien oder im Louvre Gedränge gibt, dann nicht wegen versunkener Betrachter, sondern wegen Selfiestau. Ringsum überlaufene Fototermine bei Sonnenuntergängen, was dann wiederum passt zur Diagnose vom langsamen Untergang des Abendlandes.
Hubert Oeggl ist Autor und war langjähriges Redaktionsmitglied der TT